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Niemand hat Gott je gesehen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am 3. Jänner 2016 (Joh 1,1-18)

02.01.2016
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am 3. Jänner 2016 (Joh 1,1-18)
© kathbild.at/Rupprecht
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am 3. Jänner 2016 (Joh 1,1-18)

Seit langem bewegt mich dieses Wort: Niemand hat Gott je gesehen. Es steht ja immerhin in dem Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite von Gott handelt: es steht in der Bibel!

 

Wie von jemandem sprechen, den niemand gesehen hat? Wie an jemanden glauben, den nie ein Mensch gesehen hat? Können wir von Gott sprechen? Oder müssten wir eher über ihn schweigen? Die Kirche des Ostens sagt in ihrer Liturgie: „Du bist der unaussprechliche, unbegreifliche, unsichtbare und unfassbare Gott.“

 

Vielleicht reden wir wirklich zu leichtfertig von Gott. Manche finden, dass man weder sagen noch leugnen kann, ob es Gott überhaupt gibt. Es ist die Haltung der sogenannten Agnostiker. Da man von Gott nichts wissen kann, ist es auch müßig, darüber zu spekulieren, ob es Gott gibt oder nicht, so meinen sie.

 

Anders sieht das das heutige Evangelium. Es sagt klar, dass niemand jemals Gott gesehen hat. Außer Einem! Eine Ausnahme gibt es! Es ist da Einer, der einzigartig Gott kennt, und der deshalb als Einziger auch von ihm etwas sagen kann. Dieser Einzige „hat Kunde gebracht“, Kunde von Gott. Das heutige Evangelium ist ein einziger Hymnus, ein begeistertes Lied oder Gedicht auf diesen Einzigen, der so mit Gott vertraut ist, dass er aus voller Kenntnis von ihm sprechen kann.

 

Johannes, der Verfasser des Evangeliums, nennt diesen Einen „das Wort“. Er sagt, das Wort sei so mit Gott eins, dass es von Anfang an bei Gott war, ja dass es selber Gott ist. Dieses Wort ist Leben und Licht. Es durchwebt alles, erleuchtet alles, wirkt in allem und allen. Denn Gott hat alles durch das Wort geschaffen. Nichts ist ohne das Wort geworden.

 

In allen Menschen ist es gegenwärtig wie die Vernunft, die Seele, die alles Leben belebt, alles Verstehen ermöglicht. Es ist wie der Geist im Menschen, der uns die Wahrheit erkennen und den Irrtum vermeiden lässt. Auch wenn wir Gott nicht sehen können, so sind wir doch in der Lage zu erkennen, dass die Welt nicht zufällig geworden ist. Am Anfang war das Wort, der Sinn, und nicht der Unsinn. Die Ordnung der Natur zeigt, dass sie von einem Schöpfer gewollt, von einer Vernunft geleitet wird.

 

Doch dann folgt die gewaltige Aussage, die erklärt, warum dieser Text das Weihnachtsevangelium ist: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Dieser Einzige, der Gott „von innen her“ kennt, ist Jesus Christus. Seine Geburt feiern wir zu Weihnachten. Nicht nur ein Menschenkind ist uns geboren, sondern „das Wort ist Fleisch geworden“, Gottes Wort ist Mensch geworden. Jesus bringt uns Kunde von Gott, aus seinem innersten Herzen. Es stimmt: niemand hat Gott je gesehen. Aber Jesus ist Gottes Bote. Wer ihn sieht, sieht Gottes menschliches Antlitz. Wer ihn hört, vernimmt Gottes eigenes Wort. Gott bleibt das unbegreifliche Geheimnis. Aber Jesus, Gottes Sohn, das Kind von Bethlehem, bringt uns Gott zum Greifen nahe.

 

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