Gegen Ende März 1995 gerät Österreich in Aufruhr: Am 27. März veröffentlicht das Nachrichtenmagazin Profil schwere Vorwürfe gegen den Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër. Demnach soll er über Jahrzehnte hinweg einen ehemaligen Schüler des Knabenseminars Hollabrunn sexuell missbraucht haben. Die Enthüllung erschüttert die Öffentlichkeit und wirft ernste Fragen über die persönliche Integrität des Kardinals und die moralische Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche auf.
Die kirchliche Hierarchie reagiert rasch, doch zunächst defensiv. Unterstützer Groërs stellen die Anschuldigungen infrage und sprechen von einer Kampagne gegen die Kirche. Die Weihbischöfe Helmut Krätzl und Christoph Schönborn mahnen hingegen, ein gesellschaftliches Klima zu verhindern, in dem Menschen zu „Freiwild“ werden. Der Apostolische Nuntius Donato Squicciarini fordert die Medien zur Rücksichtnahme auf die Würde des Kardinals auf und betont die
Unschuldsvermutung.
Doch der Druck wächst. Theologen wie Paul M. Zulehner und Hans Rotter verlangen eine transparente Aufklärung und warnen, dass Vertrauen nur durch Offenheit zurückzugewinnen sei. Zulehner spricht zwar von einer „öffentlichen Folter“ für Groër, hält aber dennoch entschiedene Maßnahmen gegen Missbrauch für unverzichtbar. Das Schweigen Groërs verschärft die Spannungen zusätzlich.
Hans Hermann Groër nimmt zu den Vorwürfen keine Stellung. Seine Anhänger werten dies als Haltung der Würde, da er sich keiner „Mediengerichtsbarkeit“ unterwerfen wolle. Für viele Gläubige wird sein Schweigen jedoch zunehmend belastend. Ob Groër die Anschuldigungen bestreitet oder einer düsteren Wahrheit ausweicht, bleibt offen. Die Forderung nach Aufklärung wird lauter, doch die Kirche schweigt – und polarisiert damit die Öffentlichkeit.
Mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit reagiert schließlich der Vatikan: Am 13. April 1995 ernennt Papst Johannes Paul II. Weihbischof Christoph Schönborn zum Erzbischof-Koadjutor von Wien. Offiziell soll dies nichts mit den Vorwürfen zu tun haben, doch der Zusammenhang ist offenkundig. Schönborn übernimmt schrittweise die Amtsgeschäfte und gilt für viele als Hoffnungsträger in der Krise.
Am 15. Mai 1995 tritt Schönborn erstmals als Koadjutor vor die Presse und skizziert seine Vision einer Kirche, die sich auf ihre geistliche Mitte zurückbesinnt. Er zitiert Karl Rahner: „Alles kirchliche Bemühen ist umsonst, wenn nicht Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen.“ Diskussionen über Strukturen oder Zölibat seien wichtig, dürften jedoch die Verkündigung des Evangeliums nicht überlagern.
Besonders eindringlich spricht er über den Umgang mit Missbrauch. Die Kirche müsse ihre Vergangenheit aufarbeiten, Anlaufstellen für Betroffene überprüfen und eine „Gemeinschaft der Heilung“ werden – für Opfer ebenso wie für jene, die den Glauben verloren haben.
Am 14. September 1995 nimmt der Papst das Rücktrittsgesuch Groërs an. Christoph Schönborn wird Erzbischof von Wien und setzt rasch Zeichen: Er beruft Frauen in leitende Positionen und ernennt Helmut Schüller zum Generalvikar. Sein „Kurs der Mitte“ sucht die Balance zwischen Tradition und Reform.
Am 1. Oktober 1995 wird Schönborn im Stephansdom feierlich in sein Amt eingeführt. In seiner Predigt ruft er dazu auf, aus den „tiefen Quellen des Glaubens“ zu leben und die Kirche als offenen Ort für alle Leidenden zu gestalten. Zu Ehren der heiligen Theresia von Lisieux lässt er ein großes Porträt im Dom anbringen und stellt seinen Dienst unter ihren Schutz; seither brennt eine Kerze mit seinem Wappen vor ihrem Bild.
Mit Schönborns Amtsantritt beginnt ein neuer Abschnitt für die Kirche in Österreich. Die Vorwürfe gegen Groër bleiben ungeklärt, doch die Krise hat nachhaltige Bewegung ausgelöst. Reformgruppen wie Wir sind Kirche drängen auf Veränderungen, während Schönborn auf Dialog und Transparenz setzt. Zu seinem Sekretär bestellt er den Diözesanjugendseelsorger Josef Grünwidl.
Am 6. November 1995 erhält Schönborn eine weitere Aufgabe: Er wird zum Ordinarius für die Katholiken des byzantinischen Ritus in Österreich ernannt und beruft Erzpriester Alexander Ostheim-Dzerowycz zum Protosyncellus. Am 29. Dezember tritt er sein Amt in der griechisch-katholischen Kirche St. Barbara an.
Im Dezember beweist Schönborn erneut sein Engagement für soziale Verantwortung. Gemeinsam mit Caritas und evangelischer Diakonie unterstützt er das „Mobile Hilfsquartier“ für Flüchtlinge. Am 28. Dezember ziehen zehn Schutzsuchende in Räume des Erzbischöflichen Palais ein – Menschen, deren Asylverfahren noch läuft oder bereits negativ abgeschlossen wurde und die deshalb keine staatliche Unterstützung erhalten.
Schönborn hatte bereits vor Weihnachten die prekäre Situation von Flüchtlingen kritisiert, die bei winterlicher Kälte in Weingärten ausharren müssen, und eindringlich zur Solidarität aufgerufen.