Mit dem Beginn des Jahres 1997 setzt die Erzdiözese Wien ein bewusstes Zeichen nach außen. Man will nicht nur reagieren, sondern selbst den Ton mitbestimmen. Im Januar stellen Generalvikar Helmut Schüller und der Journalist Wolfgang Bergmann ein neues Magazin vor: Dialog.
Es erscheint monatlich in einer ungewöhnlich hohen Auflage und richtet sich vor allem an jene, die mit der Kirche nur noch locker verbunden sind – oder sich innerlich schon etwas entfernt haben. Das Heft soll nicht belehren, sondern ins Gespräch bringen. Es geht um Glaubensfragen, aber in einer Sprache, die verständlich bleibt, ohne flach zu werden.
Christoph Schönborn beteiligt sich persönlich. Er schreibt regelmäßig kurze, meditative Texte. Kein großes Programm, eher leise Impulse. Doch gerade dadurch bekommt das Magazin einen Ton, der auffällt: persönlich, zugänglich, ohne den Anspruch aufzugeben.
Wenige Wochen später folgt ein ganz anderes Projekt. Am 28. Januar 1997 wird in der ehemaligen Kartause Gaming das Internationale Theologische Institut für Studien zu Ehe und Familie eröffnet. Schönborn hat entscheidend daran mitgewirkt und übernimmt als Großkanzler Verantwortung.
Die Idee dahinter ist klar: ein Ort für theologische Vertiefung, der sich besonders mit Fragen rund um Ehe und Familie beschäftigt – Themen, die sich in einer sich verändernden Gesellschaft neu stellen. Das Institut geht auf einen Wunsch von Papst Johannes Paul II. zurück und zieht Studierende aus vielen Ländern an.
Von Anfang an ist es international geprägt. Junge Menschen aus Europa, Amerika und darüber hinaus kommen nach Gaming, um dort zu studieren. Gleichzeitig bleibt Kritik nicht aus. Einige Theologen in Österreich hätten sich stärker eingebunden gewünscht. Man merkt: Auch hier geht es um mehr als nur ein neues Institut – es geht um unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Theologie heute arbeiten soll.
Im Februar 1997 führt Schönborn eine Reise weit über Europa hinaus.
Er fliegt nach Brasilien, um an einem Fortbildungskurs für Bischöfe teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Dominikaner Georges Cottier beschäftigt er sich mit Fragen der Christologie – also damit, wie von Christus heute gesprochen werden kann.
Doch neben der theologischen Arbeit sind es vor allem die Begegnungen, die ihn prägen. Die Herzlichkeit, mit der er empfangen wird, beeindruckt ihn. Ebenso die Lebendigkeit der Kirche vor Ort. Viele Priesterseminare wachsen, und von hier aus gehen Missionare in die ganze Welt.
Gleichzeitig sieht er die Schattenseiten. Armut, große soziale Unterschiede und knappe Mittel gehören zum Alltag. Besonders bewegt ihn der Einsatz für Menschen mit AIDS. Für ihn wird hier sichtbar, was er oft betont: dass Glaube sich nicht in Worten erschöpft, sondern konkret werden muss.
Auch auf internationaler Ebene bleibt Schönborn gefragt. Papst Johannes Paul II. beruft ihn in das Vorbereitungsteam für die nächste Europäische Bischofssynode. Gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Kardinal Joseph Ratzinger und Kardinal Miloslav Vlk arbeitet er an den Themen für das Treffen im Jahr 1999.
Es zeigt sich: Schönborn ist längst nicht mehr nur in Österreich eine wichtige Stimme, sondern auch darüber hinaus.
Der Spätsommer und Herbst 1997 führen ihn quer durch Europa. In Paris nimmt er am Weltjugendtag teil. Vor einer Gruppe junger Österreicher spricht er ungewöhnlich offen. Er räumt ein, dass die Bischöfe nicht immer ein gutes Beispiel gewesen seien – und dass man daran arbeiten müsse. Es ist ein Satz ohne Ausflucht, der gerade deshalb hängen bleibt.
Von dort geht es weiter nach Russland. In Moskau trifft er Patriarch Aleksij II., in St. Petersburg besucht er ein orthodoxes Priesterseminar und begegnet Dominikanern, die dort arbeiten. Es sind Begegnungen, die für ihn mehr sind als offizielle Termine. Sie passen zu seinem Interesse am Dialog zwischen den Kirchen.
Nach seiner Rückkehr berichtet er dem Papst persönlich von der Reise. Johannes Paul II. hört aufmerksam zu – auch das zeigt, welches Vertrauen Schönborn inzwischen genießt.
Ende des Jahres führt ihn der Weg noch einmal weiter nach Osten.
In Istanbul nimmt er als Gast des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios an den Feierlichkeiten zum Fest des Apostels Andreas teil. Gemeinsam mit dem Wiener Metropoliten Michael Staikos ist er im Phanar, dem Zentrum des orthodoxen Patriarchats.
Auch hier geht es nicht um große Gesten, sondern um Begegnung. Um das Gespräch zwischen Kirchen, die eine lange gemeinsame Geschichte haben – und ebenso lange voneinander getrennt sind.
Für Schönborn bleibt dieser Dialog ein roter Faden seines Wirkens. Nicht als Nebenthema, sondern als etwas, das zur Kirche selbst gehört.