Zu Beginn des Jahres 1999 machen erneut Gerüchte die Runde. Wieder heißt es, Christoph Schönborn werde bald nach Rom berufen. Es ist nicht das erste Mal, dass solche Meldungen auftauchen – und wie so oft erweisen sie sich als haltlos. Dennoch zeigen sie etwas: Seine Rolle in Österreich bleibt umstritten, und nicht wenige versuchen, seinen Einfluss kleiner erscheinen zu lassen, als er tatsächlich ist.
Ende Jänner ist Schönborn unterwegs. Zuerst trifft er sich mit Priestern der Erzdiözese in Freising, kurz darauf reist er nach Rom. Dort nimmt er an der sogenannten Stadtmission teil. Im Lateranpalast kommt es zu einem besonderen Gespräch: Gemeinsam mit Kardinal Carlo Maria Martini und dem Oberrabbiner Elio Toaff spricht er über den „Namen Gottes“. Es ist kein Streitgespräch, sondern ein ruhiger Dialog – zwischen christlicher und jüdischer Tradition, getragen von gegenseitigem Respekt.
Wenige Wochen später wird die Stimmung in Wien deutlich angespannter.
Kurz nach dem Aschermittwoch kommt es zu einer Entscheidung, mit der kaum jemand gerechnet hat: Generalvikar Helmut Schüller wird abgesetzt. Für viele wirkt es wie ein Bruch, denn Schüller galt lange als enger Vertrauter Schönborns, fast als dessen zweite Stimme in der Diözese.
Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. In der Öffentlichkeit entsteht rasch eine Welle der Solidarität mit Schüller. Viele fragen sich, was hinter der Entscheidung steckt.
Schönborn selbst äußert sich schriftlich an die Mitarbeiter der Erzdiözese. In persönlichen Worten spricht er von Spannungen und Konflikten, die sich über längere Zeit aufgebaut haben. Er bedauert, dass die Entscheidung über die Medien bekannt wurde, bevor ein direktes Gespräch möglich war. Gleichzeitig hält er daran fest, dass es notwendig gewesen sei. Sein Ton bleibt dabei ruhig – er spricht nicht von Schuld, sondern davon, dass Wunden heilen müssen und dass am Ende die Gemeinschaft wichtiger ist als das Trennende.
Nur kurze Zeit später rückt ein ganz anderes Thema in den Mittelpunkt.
Im Frühjahr beginnt der Krieg im Kosovo. Die Bilder von Gewalt und Flucht erreichen auch Österreich. Schönborn bezieht Stellung, ohne laut zu werden. In Interviews betont er, dass die Kirche auf der Seite der Opfer stehen müsse. Militärische Lösungen sieht er skeptisch – er spricht sich für Verhandlungen aus.
Gleichzeitig richtet er den Blick auf das eigene Land. Österreich, sagt er, solle seine Neutralität bewahren, aber dennoch Verantwortung übernehmen. Vor allem durch die Aufnahme von Flüchtlingen und durch Hilfe für jene Länder, die besonders viele Menschen aufnehmen müssen. Er lobt die Hilfsbereitschaft vieler, warnt aber auch davor, vorschnell von Fremdenfeindlichkeit zu sprechen, ohne genauer hinzusehen.
Im Mai führt ihn sein Weg zurück in die Stadt seiner Geburt.
Die Karls-Universität in Prag verleiht ihm ein Ehrendoktorat in Theologie. Es ist eine Auszeichnung für seine wissenschaftliche Arbeit – und zugleich ein stiller Kreis, der sich schließt. Nach der Feier im historischen Karolinum hält er einen Vortrag über den neuen Weltkatechismus und feiert einen Gottesdienst im Veitsdom.
Wenig später kommt es in Wien zu einer weiteren Begegnung.
Der russisch-orthodoxe Metropolit Kyrill ist zu Gast. Im erzbischöflichen Palais sprechen die beiden unter vier Augen über den Krieg im Kosovo und über die Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Es ist ein Gespräch, das beide Seiten ernst nehmen. Kyrill würdigt dabei auch Schönborns Buch über die Christus-Ikone – ein Zeichen dafür, dass seine theologische Arbeit auch in der orthodoxen Welt wahrgenommen wird.
Anfang Juli reist Schönborn selbst in den Kosovo.
Als einer der ersten westeuropäischen Kirchenvertreter besucht er das vom Krieg gezeichnete Gebiet. Die Begegnungen sind vorsichtig, aber wichtig. Er trifft Vertreter verschiedener Religionen – orthodoxe, katholische und muslimische Führer. Gemeinsam sprechen sie sich gegen Gewalt und Rache aus.
Es sind keine einfachen Gespräche. Aber sie zeigen, worum es ihm geht: Brücken zu bauen, auch dort, wo das Vertrauen tief erschüttert ist.
Kurz darauf führt ihn eine weitere Reise nach Asien.
In Sri Lanka begegnet er einer kleinen katholischen Minderheit, die in einem überwiegend buddhistischen Land lebt. Auch hier steht der Dialog im Mittelpunkt – nicht als theoretisches Konzept, sondern als konkrete Begegnung. Es geht darum, Wege zu finden, wie Glaube in einer vielfältigen Gesellschaft gelebt werden kann.
Im Herbst richtet sich der Blick wieder nach Rom.
Im Oktober nimmt Schönborn an der Europasynode im Vatikan teil. Gemeinsam mit anderen Bischöfen denkt er über die Zukunft des Kontinents nach. In seinem Beitrag spricht er von einem Europa, das mehr sein müsse als ein wirtschaftliches Projekt.
Er spricht von Wunden – von der Teilung zwischen Ost und West, von den Verbrechen des 20. Jahrhunderts, von Antisemitismus und ideologischen Gegensätzen. Für ihn kann Einheit nur entstehen, wenn diese Geschichte nicht verdrängt, sondern ehrlich aufgearbeitet wird.
Besonders betont er die Bedeutung der Ostkirchen. Sie seien kein Randphänomen, sondern ein wesentlicher Teil Europas – ein „zweiter Lungenflügel“, ohne den der Kontinent nicht wirklich atmen könne. Gleichzeitig sieht er auch die Aufgabe des Westens, Impulse zu geben und neue Wege zu eröffnen.
Am Ende läuft vieles auf einen Gedanken hinaus, der sich durch sein ganzes Wirken zieht: Versöhnung ist möglich – aber sie braucht Wahrheit, Geduld und die Bereitschaft, einander wirklich zuzuhören.