Das Jahr 2002 beginnt für Christoph Schönborn mit einem Zeichen, das ihm besonders am Herzen liegt. Ende Januar reist er nach Paris zu einem großen Treffen zwischen Vertretern der Kirche und des Judentums. Eingeladen hat der European Jewish Congress, und die Runde ist hochrangig besetzt.
Gemeinsam wird Bilanz gezogen: Wie haben sich die Beziehungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt, wo stehen sie heute, und wohin könnten sie sich weiter bewegen. Schönborn erlebt die Gespräche als offen und respektvoll. Immer wieder wird dabei auch an die Gesten von Papst Johannes Paul II. erinnert, die viel zur Annäherung beigetragen haben.
In seinem eigenen Beitrag hebt Schönborn die kulturelle und geistige Bedeutung des Judentums in Mitteleuropa hervor, besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert. Gleichzeitig wird deutlich, dass beide Seiten vor ähnlichen Herausforderungen stehen. In einer zunehmend säkularen Welt stellt sich für Religionen die Frage, wie sie ihre Stimme hörbar machen können.
Im Februar folgt ein weiterer Schritt in diese Richtung. Im Wiener Dom und Diözesanmuseum eröffnet Schönborn eine Ausstellung über die Darstellung von „Ecclesia und Synagoga“ in der christlichen Kunst. Die Werke zeigen, wie sich das Verhältnis von Christentum und Judentum über viele Jahrhunderte entwickelt hat, mit all seinen Spannungen und Wandlungen.
Anfang März reist er zum ersten Mal in den Libanon. Dort spricht er bei theologischen Tagen an der Universität Kaslik über den Theologen Jean Corbon. Für Schönborn ist es nicht nur ein wissenschaftlicher Vortrag. Er erinnert sich an die gemeinsame Arbeit am Katechismus, an die Zusammenarbeit, die über Jahre gewachsen ist. Der Blick richtet sich dabei auch auf die Bedeutung von Liturgie und Gebet, die Corbon besonders geprägt hat.
Zur gleichen Zeit entsteht in Österreich eine ganz andere Debatte.
Ein satirisches Buch über das Leben Jesu sorgt für Aufsehen. Viele diskutieren darüber, wo die Grenze zwischen Kritik und Verletzung verläuft. Schönborn äußert sich deutlich. Für ihn geht es nicht nur um religiöse Inhalte, sondern um den Respekt vor dem, was Menschen heilig ist. Er schreibt einen Kommentar, in dem er die Darstellung als verletzend kritisiert. Gleichzeitig wird klar, dass die Gesellschaft unterschiedlich reagiert. Einige unterstützen seine Haltung, andere plädieren für mehr Gelassenheit oder verteidigen die Freiheit der Kunst. Die Diskussion zeigt, wie sensibel das Verhältnis zwischen Religion und Öffentlichkeit geworden ist.
Im Mai richtet sich der Blick wieder nach draußen.
Am Stephansplatz beginnt die internationale Großstadtmission. Mehrere europäische Städte beteiligen sich daran. In Wien wird der Auftakt mit Musik, Gesprächen und Begegnungen gefeiert. Die Idee ist einfach und zugleich ungewohnt. Kirche soll nicht nur innerhalb ihrer Mauern stattfinden, sondern mitten im Leben. Menschen werden auf Straßen angesprochen, Gespräche entstehen in Cafés, Fragen des Glaubens werden dort gestellt, wo sonst Alltag ist.
Schönborn spricht davon, dass sich etwas verändert, wenn Menschen die Tür zu Christus öffnen. Andere Kardinäle betonen unterschiedliche Aspekte, doch die Richtung ist ähnlich. Es geht darum, den Glauben neu ins Gespräch zu bringen.
Im Sommer führt ihn sein Weg erneut nach Afrika.
Anfang Juli reist er nach Sambia. Die Begegnungen dort sind geprägt von Nähe und konkreter Zusammenarbeit. Er feiert mit Jugendlichen, spricht mit Priestern und Katechisten und nimmt an einem Missionskongress teil. Ein besonderer Moment ist die Eröffnung eines Zentrums in Kitwe. Es soll nicht nur ein Ort für pastorale Arbeit sein, sondern auch Menschen helfen, die von AIDS betroffen sind. Die Unterstützung kommt auch aus Österreich. Für Schönborn zeigt sich hier, wie Verbindung zwischen Kirchen praktisch werden kann.
Zurück in Wien geht der Dialog weiter. Im Juli empfängt er eine Gruppe von Rabbinern aus Nordamerika. Sie bereiten eine größere Konferenz vor, die später in Wien stattfinden soll. Die Begegnung ist ruhig, geprägt von gegenseitigem Interesse. Es geht nicht um große Erklärungen, sondern um das gemeinsame Weitergehen.
Im Sommer spricht Schönborn bei den Salzburger Hochschulwochen.
Sein Thema ist das Leben selbst. Er greift den Aufruf auf, das Leben zu wählen und zu schützen. Dabei spricht er nicht abstrakt, sondern konkret über Herausforderungen der Gegenwart. Fortschritte in den Biowissenschaften, Fragen nach Würde und Grenzen des Menschen, die Gefahr, dass der Wert des Lebens relativiert wird. Gleichzeitig betont er das Staunen über das Leben. Für ihn ist es nicht selbstverständlich, sondern Geschenk.
Im August wird Österreich von einer schweren Flutkatastrophe getroffen.
Besonders Niederösterreich und das Kamptal sind stark betroffen. Viele Menschen verlieren ihr Zuhause, ganze Regionen stehen unter Wasser. Schönborn reagiert sofort. Er zeigt sich betroffen von den Bildern und ruft zur Solidarität auf.
Er erinnert daran, dass Österreich in schwierigen Zeiten immer zusammengehalten hat. Gleichzeitig nutzt er die Situation für einen weitergehenden Gedanken. Er spricht über den Umgang mit der Umwelt und darüber, dass auch der Lebensstil der Menschen Teil des Problems sein könnte.
Doch im Vordergrund steht zunächst die Hilfe. Er ruft dazu auf, nicht nur kurzfristig zu unterstützen, sondern auch dann, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt. In den betroffenen Regionen erlebt er viele Zeichen von Zusammenhalt.
Für ihn bleibt beides: die Sorge über das Geschehene und die Hoffnung, die im gemeinsamen Handeln sichtbar wird.