Kardinal Christoph Schönborn kehrt von seiner Reise aus dem indonesischen Katastrophengebiet nach Wien zurück. Er berichtet von bewegenden Begegnungen mit Überlebenden in der Provinz Aceh, die von der Flutkatastrophe besonders hart getroffen wurde. Viele Menschen schildern ihm, wie sie dem Tode knapp entkamen, während ihre Angehörigen von den Wassermassen mitgerissen wurden. Die Überlebenden sind traumatisiert, bezeugen jedoch eine eindrucksvolle Glaubensstärke – Christen und Muslime beten oft gemeinsam.
Kurz darauf begeht Kardinal Christoph Schönborn seinen 60. Geburtstag, zu dem Generalvikar Franz Schuster beim Benefizkonzert im Stephansdom gratuliert. Er fordert eine „Kirche mit offenen Türen“, die sich allen Menschen liebevoll zuwendet. Auch die Wiener Stadtmission und der Mitteleuropäische Katholikentag mit der Wallfahrt nach Mariazell wären ohne Schönborns Ermutigung kaum denkbar gewesen. Darüber hinaus hebt der Generalvikar Schönborns Engagement im interreligiösen Dialog hervor.
Der Leiter des Außenamts der russisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Kirill von Smolensk, stattet Österreich Mitte Februar einen Pastoralbesuch ab. In Salzburg gedenkt er auf dem Friedhof in Grödig hunderter russischer Kriegsgefangener aus beiden Weltkriegen und spricht ein Totengebet. Bei einem Treffen mit Kardinal Christoph Schönborn in Wien stehen die katholisch-orthodoxen Beziehungen in Russland und die noch ausstehende gesetzliche Anerkennung der russisch-orthodoxen Diözese in Österreich im Zentrum.
Ende Februar 2005 verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. so dramatisch, dass Kardinal Christoph Schönborn eindringlich zum Gebet für den schwerkranken Heiligen Vater aufruft. Zwar erholt sich der Papst vorübergehend, während der Kar- und Osterwoche verfallen seine Kräfte Tag für Tag mehr bis er am Abend des 2. April im Apostolischen Palast verstirbt – während tausende Gläubige ihn auf dem Petersplatz und weltweit über die Medien begleiten. Kardinal Schönborn kehrt an diesem Tag gerade von einer Pilgerreise der Stiftung „Pro Oriente“ aus dem Heiligen Land zurück und spricht am Flughafen Wien-Schwechat von „Trauer und Dankbarkeit“, die das Ende dieses langen Pontifikats prägten: Trauer über den Verlust eines großen Hirten und Dankbarkeit für dessen unermüdlichen Einsatz.
In den folgenden Tagen kommt es in Rom zu einem beispiellosen Massenandrang, um dem polnischen Papst – der Erste in der Geschichte – die letzte Ehre zu erweisen. Für das offizielle Requiem Österreichs am 7. April im Wiener Stephansdom lädt der Apostolische Nuntius, Erzbischof Georg Zur, die Öffentlichkeit ein, während Kardinal Schönborn bereits nach Rom aufbricht, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Bei Interviews warnt dieser vor einem Schubladendenken, das Johannes Paul II. als „konservativ“ oder „liberal“ abstempeln wolle. Der Papst sei vielmehr ein „mutiger Querdenker“ gewesen, der sich konsequent für das Leben, die Menschenrechte und den interreligiösen Dialog eingesetzt habe. Während des Konklaves – das nach dem „Sonntag des Guten Hirten“ beginnt – verweist der Wiener Erzbischof auf den „himmlischen Regisseur“, der über den Kardinälen wache. In der römischen Titelkirche „Gesu’ Divin Lavoratore“ zelebriert er eine Messe für den verstorbenen Papst und liest Passagen aus dessen Buch „Auf, lasst uns gehen!“.
Am 8. April 2005 verwandelte sich der Petersplatz in ein Meer aus Trauer und Hoffnung, als sich über zwei Millionen Pilger versammelten, um Papst Johannes Paul II. die letzte Ehre zu erweisen. Mehr als 200 Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt sind angereist. Das leuchtende Kreuz auf dem Sarg scheint die unerschütterliche Glaubenskraft des 84-jährigen Pontifex zu spiegeln, der sein Leben der Verkündigung von Christus, dem Erlöser des Menschen gewidmet hatte. Weltweit schätzt man die Zahl der Menschen, die via Fernsehen vom Papst Abschied nehmen auf rund 2 Milliarden.
Am Nachmittag des 18. April 2005 ziehen 115 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zum Konklave ein, um in geheimer Abstimmung den neuen Nachfolger Petri zu wählen. Die Medien berichten wochenlang über mögliche Papstkandidaten. Genannt werden der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi oder der nigerianische Kardinal Francis Arinze, aber auch Kardinaldekan Joseph Ratzinger, Kardinal Christoph Schönborn und der argentinische Kardinal Bergoglio.
Wie Erzbischof Gänswein in seinem Buch „Nichts als die Wahrheit“ berichtet, steckt vor dem Konklave Kardinal Schönborn seinem Lehrer Ratzinger einen Zettel zu, in dem er ihn ermuntert im Fall der Wahl, diese auch anzunehmen. Tatsächlich tritt dieser bereits am Abend des am 19. April als Benedikt XVI auf die Loggia des Petersdomes und segnet die anwesenden Gläubigen.
Auf dem überfüllten Petersplatz tritt der neue Pontifex am 24. April 2005 bei strahlendem Sonnenschein sein Amt an. Die Voreingenommenheit gegenüber dem bayrischen Kurienkardinal scheint verflogen. Seine Predigt wird von häufigem Beifall unterbrochen: „Wenn wir Christus in unser Leben einlassen, verlieren wir nichts, nichts, gar nichts von dem, was unser Leben frei, groß und schön macht!“ Diese Worte klingen wie ein geistiges Leitmotiv seines Pontifikats und ziehen bereits in diesem Moment die Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Petersplatzes hinaus auf sich.
Nach seiner Rückkehr aus Rom feiert Kardinal Schönborn im Stephansdom einen Gottesdienst für den neuen Papst. Dabei hebt er die weltweite Medienpräsenz hervor, die es ermöglichte, die bedeutenden Ereignisse in Rom – vom Tod Papst Johannes Paul II. bis zur Wahl Benedikts XVI. – live mitzuerleben. Viele fragen nach dem Geheimnis der Beständigkeit des Papsttums, worauf Schönborn auf das Felsenwort Jesu an Petrus verweist: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen baue ich meine Kirche.“
Anfang Mai nimmt der Kardinal an den feierlichen 1.700-Jahr-Jubiläen des Heiligen Domnius, Patron der Erzdiözese Split teil. Am Freitagabend besucht er die Vesper in der Kathedrale, während er am Samstag nach der Prozession mit den Reliquien des Märtyrers den Gottesdienst am Festplatz an der Riva leitet. Schönborn betont die historische Beständigkeit des Papsttums und stärkt die kirchlichen Verbindungen in der Region. Die Feierlichkeiten würdigen den ersten Bischof von Split, dessen Martyrium unter Kaiser Diokletian die Glaubensfestigkeit symbolisiert.
Nur eine Woche später besucht er Chisinau in Moldau und feiert das Zehn-Jahres-Jubiläum der moldauischen Caritas mit einem festlichen Pontifikalamt in Chisinau. Gemeinsam mit Bischof Anton Cosa und Caritasdirektor Michael Landau würdigt er das Engagement der Caritas, des Kolpingwerks und des Kinderhilfswerks. In seiner Predigt lobt Schönborn die Schaffung sozialer Netzwerke in einem der ärmsten Länder Europas. Am Freitag segnet er ein neues Seniorenheim in Stauceni und besucht die „Stadt der Kinder“ in Pirita, wo verwaiste Kinder ein Zuhause finden.
Zwei Wochen später hält er sich im zentralbosnischen Kupres auf. Hier erinnert er am Jahrestag der "Wallfahrt der Völker" eindringlich an die durch Hass verursachten Kriege und Vertreibungen in Mitteleuropa. Er betont, dass nur Christus die Kraft zur Vergebung und Versöhnung schenke. Umgeben von Bischöfen und über 10.000 Pilgern aus acht Ländern segnet Schönborn die Glocken der neuen Wallfahrtskirche zur Heiligen Familie, ein Symbol für das Ende des Krieges. Mit seiner Predigt unterstreicht er die Rolle der Kirche als Friedensstifter und ruft zur gemeinsamen Zukunft auf festem Glaubensgrund.
Anlässlich der „Langen Nacht der Kirchen“ trifft er in der Franz-von-Assisi-Kirche seinen langjährigen Freund Peter Turrini und diskutiert mit dem Dramatiker das Verhältnis von Kirche und Kunst. Schönborn betont die „Leidenschaft für den Menschen“ als Grundlage und ruft zu einer neuen, vorurteilsfreien Begegnung auf. Er erklärt: „Die Freiheit der Kunst hört auf, wo sie zur Bedrohung des Menschen wird.“
In einem international beachteten Gastbeitrag für die „New York Times“ positioniert sich Kardinal Christoph Schönborn Anfang Juli entschieden gegen die vorherrschende neodarwinistische Evolutionstheorie.
Er bezeichnet Theorien, die das Universum und das Leben ausschließlich als Ergebnis von „Zufall und Notwendigkeit“ interpretieren, als unwissenschaftlich und im Widerspruch zum christlichen Glauben stehend. Schönborn betont, dass eine Evolutionslehre, die die Entwicklung des Lebens als ziel- und zwecklosen Prozess darstellt, fundamental mit der kirchlichen Lehre unvereinbar sei. „Eine Evolutionstheorie, die über Zufall und Selektion hinaus jede Möglichkeit eines Sinnes der Schöpfung leugnet, ist Ideologie, nicht Wissenschaft“, so der Kardinal.
Er verweist auf Papst Johannes Paul II., der bereits 1985 betonte, dass die Evolution ein inneres Ziel habe, das die Vorstellung eines Schöpfers nahebringe. Schönborns deutliche Ablehnung stößt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf gemischte Reaktionen. Professor Dr. Anna Müller von der Universität Wien kritisiert: „Kardinal Schönborn vermischt Glaube mit Wissenschaft und untergräbt dadurch die objektive Forschung.“ Biologe Dr. Markus Steiner äußert Verständnis für die spirituelle Dimension des Lebens, lehnt jedoch die pauschale Ablehnung der neodarwinistischen Theorie ab: „Es ist wichtig, ethische und philosophische Fragen in der Wissenschaft zu diskutieren, aber die biologischen Grundlagen der Evolution sind gut etabliert.“
Unerwartet erhält Schönborn Unterstützung vom Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Österreich, Walter Baier. Baier bemängelt, dass Schönborns Kritiker ihn fälschlicherweise mit fundamentalistischen US-Positionen verbinden, die eine wörtliche Genesis in Schulbüchern fördern möchten. Stattdessen weist er darauf hin, dass die Diskussion nicht um die biblische Schöpfung versus Darwinismus gehe, sondern darum, Darwinismus als universelles Modell für biologische und gesellschaftliche Entwicklung abzulehnen. Er fordert einen Fokus auf globale soziale Verantwortung und einen intensiveren Dialog zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen. Schönborn selbst setzt das Thema im Oktober in einer Reihe von abendlichen Katechesen im Stephansdom fort.
Am 14. September feiert Schönborn sein zehnjähriges Amt als Erzbischof von Wien. In einem Interview mit der Kirchenzeitung „Der Sonntag“ betont er die Pflicht der Kirche, sich für Schwache stark zu machen und fordert engagierte Laien in Politik und Wirtschaft, die den christlichen Weg vertreten. Schönborn äußert große Besorgnis über die Abtreibungskrise und die wachsende Einkommensschere. Trotz sinkender Priesterzahlen lobt er die Qualität der Berufungen und appelliert an mehr Seelsorge und persönliche Spiritualität. Er betont zudem die Wichtigkeit offener Kirchen und den Dialog über Sakramentenzugang für Wiederverheiratete Geschiedene.
Schönborn geht auf der internationalen Islam-Konferenz in der Wiener Hofburg Ende November auf die zentrale Rolle der Mission im Dialog zwischen Christentum und Islam ein. Er fordert einen klärenden Austausch über die Bedeutung von Mission in einer pluralistischen Gesellschaft, einschließlich Fragen zu Proselytismus und Religionsfreiheit. Gemeinsamkeiten wie Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung und Bildung sollen gestärkt werden, um ein glaubwürdiges Zeugnis abzugeben angesichts des wachsenden Atheismus. Fortsetzung 2006