Nach seiner Rückkehr aus Indonesien Anfang 2005 spricht Christoph Schönborn von Begegnungen, die ihn tief bewegt haben. In der besonders schwer getroffenen Provinz Aceh trifft er Menschen, die nur knapp überlebt haben. Viele erzählen von dem Moment, als die Welle kam, von Sekunden, in denen sich alles verändert hat.
Was ihn besonders beeindruckt, ist die Haltung der Überlebenden. Trotz Verlust und Trauma halten viele an ihrem Glauben fest. Christen und Muslime beten oft nebeneinander. Für Schönborn ist das mehr als ein Detail. Es zeigt, dass in Extremsituationen das Gemeinsame stärker sein kann als das Trennende.
Wenig später feiert er seinen 60. Geburtstag. Im Stephansdom findet ein Benefizkonzert statt, bei dem ihm Generalvikar Franz Schuster gratuliert. Er beschreibt Schönborn als jemanden, der immer wieder dazu ermutigt, Türen zu öffnen. Eine Kirche, die nicht bei sich bleibt, sondern auf Menschen zugeht.
Dabei erinnert er auch an Projekte wie die Stadtmission oder den Mitteleuropäischen Katholikentag. Initiativen, die ohne diesen Anstoß vielleicht nicht entstanden wären. Auch Schönborns Einsatz für den Dialog zwischen Religionen wird hervorgehoben.
Mitte Februar kommt ein alter Gesprächspartner nach Österreich.
Metropolit Kirill von Smolensk besucht Salzburg und Wien. In Grödig gedenkt er russischer Kriegsgefangener und spricht ein Totengebet. Später trifft er Schönborn. Die Gespräche drehen sich um die Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, aber auch um konkrete Fragen wie die rechtliche Stellung der orthodoxen Kirche in Österreich. Es sind ruhige Gespräche, geprägt von gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Interesse, den Dialog weiterzuführen.
Ende Februar verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. spürbar. Schönborn ruft zum Gebet auf. Viele Menschen folgen diesem Aufruf. Doch die Hoffnung auf eine Erholung erfüllt sich nicht. Am Abend des 2. April 2005 stirbt der Papst im Apostolischen Palast. Schönborn erfährt die Nachricht auf dem Rückweg von einer Pilgerreise nach Israel. Am Flughafen spricht er von Trauer und Dankbarkeit. Für ihn endet ein Pontifikat, das die Kirche und die Welt geprägt hat.
In den Tagen danach strömen Menschen aus aller Welt nach Rom. Die Bilder gehen um die Welt. Millionen nehmen Abschied, viele vor Ort, viele über die Medien.
Beim Requiem in Wien wird ebenfalls der Verlust spürbar. Gleichzeitig reist Schönborn nach Rom, um an den Trauerfeiern teilzunehmen. In Interviews warnt er davor, den verstorbenen Papst in einfache Kategorien einzuordnen. Für ihn war Johannes Paul II. jemand, der oft neue Wege gegangen ist und sich konsequent für Leben, Menschenrechte und Dialog eingesetzt hat.
Am 8. April erreicht die Trauer ihren sichtbaren Höhepunkt.Auf dem Petersplatz versammeln sich Hunderttausende, vielleicht Millionen. Staats und Regierungschefs aus aller Welt sind anwesend. Es ist ein Abschied, der weit über die Kirche hinausgeht. Wenige Tage später beginnt das Konklave. 115 Kardinäle kommen in der Sixtinischen Kapelle zusammen. Auch Schönborn gehört zu ihnen. Die Wahl findet unter großer Aufmerksamkeit statt. Viele Namen werden genannt, auch seiner.
Doch schon bald zeigt sich eine klare Richtung. Joseph Ratzinger wird gewählt und tritt als Benedikt XVI. auf die Loggia des Petersdoms. Für Schönborn ist es auch ein persönlicher Moment, da ihn eine lange Verbindung mit seinem früheren Lehrer verbindet. Bei der Amtseinführung wenige Tage später spricht der neue Papst davon, dass der Glaube dem Menschen nichts nimmt, sondern ihn frei macht. Worte, die weit über den Petersplatz hinaus gehört werden.
Zurück in Wien feiert Schönborn einen Gottesdienst und spricht darüber, wie viele Menschen diese Ereignisse weltweit mitverfolgt haben. Für ihn zeigt sich darin auch die besondere Rolle des Papsttums.
Im Mai führen ihn mehrere Reisen durch Europa. In Kroatien nimmt er an Feierlichkeiten zum Gedenken an den heiligen Domnius teil. Es geht um Geschichte, um Glauben und um die Verbindung über Jahrhunderte hinweg. Kurz darauf reist er nach Moldau. Dort feiert er ein Jubiläum der Caritas und besucht soziale Einrichtungen. Besonders die Begegnung mit Kindern, die ohne Eltern aufwachsen, bleibt ihm nahe. Wenig später ist er in Bosnien. In Kupres erinnert er an die Kriege der vergangenen Jahre. Seine Worte sind klar. Versöhnung ist notwendig, auch wenn sie Zeit braucht. Vor vielen Pilgern spricht er darüber, dass Frieden nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu gelernt werden muss.
Zurück in Wien begegnet er einem alten Freund. Bei der Langen Nacht der Kirchen diskutiert er mit dem Schriftsteller Peter Turrini über das Verhältnis von Kunst und Glauben. Die beiden vertreten unterschiedliche Positionen, doch das Gespräch bleibt respektvoll. Schönborn betont, dass Kunst Freiheit braucht, aber auch Verantwortung.
Im Sommer äußert er sich zu einem Thema, das weit über Österreich hinaus diskutiert wird.
In einem Gastbeitrag in den NYT setzt er sich mit der Evolutionstheorie auseinander. Er kritisiert Vorstellungen, die das Leben ausschließlich als Ergebnis von Zufall sehen. Für ihn gehört zur Wirklichkeit auch die Frage nach Sinn und Ziel. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Einige unterstützen seine Sicht, andere widersprechen deutlich. Die Diskussion zeigt, wie sensibel das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glauben ist.
Im September blickt er auf zehn Jahre als Erzbischof von Wien zurück.
Er spricht über Herausforderungen, aber auch über das, was ihm wichtig bleibt. Eine Kirche, die sich für Schwache einsetzt, die offen ist und die den Dialog sucht. Er äußert Sorgen über gesellschaftliche Entwicklungen, etwa wachsende soziale Unterschiede.Gleichzeitig betont er die Bedeutung persönlicher Spiritualität. Für ihn beginnt vieles nicht in großen Programmen, sondern im Inneren.
Ende des Jahres nimmt er an einer internationalen Konferenz in Wien teil. Dort geht es um den Dialog zwischen Christentum und Islam. Schönborn spricht offen über die Rolle der Mission. Für ihn ist klar, dass dieser Punkt nicht ausgeklammert werden darf. Gleichzeitig hebt er hervor, dass es viele gemeinsame Anliegen gibt, etwa Gerechtigkeit, Bildung und die Sorge um die Armen.