Im Februar bekräftigt Kardinal Christoph Schönborn in New York, dass Evolution und Schöpfungsglaube keinen Widerspruch darstellen. Er hält es für möglich, dass der Schöpfer das Instrument der Evolution nutzt und kritisiert die Reduktion der Debatte auf Evolutionisten versus Kreationisten. Die katholische Kirche lehnt eine wörtliche Interpretation des Schöpfungsberichts ab und sieht in Darwins Theorie sowohl wissenschaftliche als auch ideologische Elemente. Schönborn fordert eine offene Diskussion und kritisiert US-Gerichtsentscheidungen, die „Intelligent Design“ in Schulen ausschließen. Er plädiert für eine liberale Gesellschaft, die verschiedene Sichtweisen zulässt.
Kardinal Schönborn stellt Anfang April in der neuen Synodenaula des Vatikans das Buch „Jesus von Nazareth“ von Papst Benedikt XVI. vor. Er betont, dass das Werk keine Selbstdarstellung persönlicher Frömmigkeit, sondern eine leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit sei. Schönborn streicht die historische Zuverlässigkeit der Evangelien hervor. „Die soliden historischen Grundlagen der Evangelien stehen im Mittelpunkt“, erklärte er. Papst Benedikt XVI. wolle mit seinem Buch eine offene öffentliche Debatte anstoßen und seine Sicht auf dem „Areopag der Meinungsvielfalt“ darlegen. Das Buch ist zunächst auf Deutsch, Italienisch und Polnisch erhältlich und beleuchtet den historischen Jesus sowie die Verbindung von theologischer Tiefe und spiritueller Suche. Schönborn lobt Benedikts umfassende Bibelkenntnis. Besonders hebt Schönborn die Zusammenarbeit mit Rabbi Jacob Neusners Werk „Ein Rabbi spricht mit Jesus“ hervor. „Benedikt XVI. tritt in einen authentischen jüdisch-christlichen Dialog ein, um das Geheimnis Jesu besser zu verstehen“, so der Kardinal.
Ende April hält Schönborn im Wiener Burgtheater einen vielbeachteten Vortrag mit dem Titel „Maß für Maß oder die Kraft des Verzeihens“. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Shakespeare – eine Republik von Fehlern“ analysiert der Wiener Erzbischof die zentralen Themen von Shakespeares Tragikomödie „Maß für Maß“, insbesondere Vergebung, Barmherzigkeit und Gnade. Schönborn hebt Isabella als die wahre Heldin des Stücks hervor, die durch ihre Tugendhaftigkeit und ihren Mut zur Vergebung den Kern der Gnadenbotschaft verkörpert. Er kritisiert das heutige Missverständnis von Gnade als autoritäre Willkür und betont, dass echte Schuldeinsicht nur im Raum der Gnade möglich sei. „Maß für Maß“ zeigt nach Schönborn, wie die Auseinandersetzung mit Schuld und Gnade zur moralischen Reifung führt. Der Kardinal thematisiert zudem gesellschaftliche Vorurteile gegen Gnade, die seiner Ansicht nach aus verdrängten Schuldfragen resultieren. Mit seiner tiefgehenden theologischen Analyse verbindet Schönborn klassische Literatur mit aktuellen ethischen Debatten und regt das Publikum zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit den Themen Verzeihen und Gerechtigkeit an.
Mitte Mai feiert Passau im Rahmen einer Festwoche das 600-jährigen Jubiläum ihres Doms. Den Höhepunkt der Festtage bildet ein Festgottesdienst am Pfingstmontag, den der Wiener Erzbischof gemeinsam mit Bischöfen und Äbten aus Bayern und Österreich feiert. Der Passauer Dom, größtenteils von italienischen Künstlern nach dem Stadtbrand von 1662 wiederaufgebaut, spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte der Erzdiözese.
Kardinal Schönborn würdigt Kardinal Lustiger bei feierlicher Beisetzung in Paris
In einer eindrucksvollen Zeremonie in Paris spricht Kardinal Christoph Schönborn am 11. August bei den feierlichen Beisetzungsriten des verstorbenen Kardinals Jean-Marie Aaron Lustiger. Tausende Gläubige folgen ehrfürchtig der langen Prozession vor der Kathedrale Notre-Dame. Schönborn preist Lustiger als eine herausragende Persönlichkeit, die „den Sinn von Mut, Glauben und die lebendige Präsenz der Kirche in Paris verkörpert“ hat und hebt die außergewöhnliche Lebensleistung Lustigers hervor, der als „jüdischer Kardinal“ erfolgreich Brücken zwischen verschiedenen Religionen geschlagen hat.
Papst Benedikt XVI. unternimmt vom 7. bis 9. September 2007 seine siebte Auslandsreise und besucht Österreich anlässlich des 850. Jahrestags der Gründung des Heiligtums von Mariazell. Der dreitägige Pilgerbesuch verbindet tiefgehende spirituelle Ereignisse mit bedeutenden gesellschaftlichen Impulsen, die die Zukunft der Kirche in Europa nachhaltig beeinflussen.
Am Freitagmorgen kommt er in Wien Schwechat an und wird feierlich empfangen. Nach einer Zwischenstation im Kloster der Heimsuchung am Rennweg begibt sich der Papst zum Platz Am Hof, wo er ein Gebet vor der Mariensäule spricht, und die Gemeinde ermutigt, „auf Christus zu schauen“ – ein zentrales Leitwort seines Besuchs. Vor dem Shoa-Denkmal am Judenplatz kommt es zu einer denkwürdigen Begegnung des deutschen Papstes mit der jüdischen Gemeinde von Wien. Am Samstag betritt Benedikt XVI. als Pilger die Basilika von Mariazell. Mit einem Pilgerstab in der Hand leitet er die Heilige Messe anlässlich des 850. Jahrestags der Gründung des Heiligtums. In seiner Predigt betont der Papst die Bedeutung von Mariazell als „Ort des Friedens und der versöhnten Einheit“ und appelliert an die Gläubigen, den wachsenden Relativismus zu überwinden. „Christus ist die Brücke, über die Gott und Mensch zueinanderkommen können“, verkündet er und ruft die Katholiken auf, die Zehn Gebote als Lebensprogramm zu verwirklichen.
Kardinal Schönborn resümiert den Besuch als „Weckruf“ für die europäische Christenheit. Er hebt hervor, dass Benedikt XVI. durch seine starke Vision eine geistliche Radikalität fordert, die notwendig ist, um strukturelle Fragen und Probleme der Kirche zu lösen.
Der Besuch des Pontifex gilt auch dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz und der dortigen Hochschule päpstlichen Rechtes, die sich als bedeutende Priesterausbildungsstätte etabliert hat. P. Karl Wallner bezeichnet den Papstbesuch als „Startschuss für eine sehr gesegnete Phase“, die eine Erneuerung und Stärkung der kirchlichen Strukturen fördert. Der Papst würdigt die Klöster als „Oasen geistlicher Kraft“ und mahnt die Mönche zu einer Balance zwischen Liturgie und intellektueller Reflexion.
Am Sonntag schließt Benedikt XVI. seinen Besuch mit einer Messe im Stephansdom ab, gefolgt von einem Angelusgebet auf dem Stephansplatz. In seiner Ansprache unterstreicht der Papst die hohe Bedeutung des Sonntags und der Eucharistiefeier als innere Mitte der freien Zeit. Mit über 110.000 teilnehmenden Gläubigen und massiver Medienpräsenz hinterlässt Papst Benedikt XVI. in Österreich bleibenden Eindruck. Seine Botschaften von Mut, Glauben und der zentralen Rolle Christi stärken die katholische Gemeinschaft und fördern den interreligiösen Dialog.
Kardinal Christoph Schönborn betont bei der großen Stadtmission in Budapest Ende September, dass „Mission ein Grundwort christlichen Selbstverständnisses“ sei. Er hebt hervor, dass die europäischen Stadtmissionen, beginnend mit der ersten im Mai 2003 in Wien, eindrucksvoll zeigen, dass es möglich ist, Menschen für Christus zu gewinnen. In einer Fragestunde vor über 500 Studenten der Sapientia-Universität kritisiert Schönborn die übermäßige Faszination für Statistiken und Prognosen, insbesondere den vermeintlichen Rückgang der Priesterzahlen. Er hält fest, dass neue Berufungen und die Gewinnung neuer Christen essentiell sind, um den Glauben zu bewahren. Zudem spricht er die Kirchenaustritte in Österreich an und erklärt, dass deren Ursachen in einer inneren Distanz zum gelebten Glauben liegen. Schönborn kündigt die Diözesanmission „Apostelgeschichte 2010“ an, die in drei Jahren startet und die positive Grundhaltung in den Pfarren weiter stärken soll. Er fördert zudem ökumenische Kontakte zu evangelikalen Gemeinschaften, die als wachsendes Segment des Christentums eine bedeutende Rolle spielen.
Am 26. Oktober 2007 erfüllt sich im Linzer Dom nach Jahrzehnten der Erwartung aber auch der Auseinandersetzung die Seligsprechung des Märtyrers Franz Jägerstätter. Im Mittelpunkt steht seine 94-jährige Witwe Franziska, deren ernstes, würdevolles Auftreten das Ereignis besonders prägt. Bischof Ludwig Schwarz begrüßt Franziska zu Beginn des Gottesdienstes, während stürmischer Applaus den Mariendom erfüllt. Die Zeremonie hat eine doppelte dramatische Bedeutung: Zum einen wird ein Laie und Familienvater geehrt, der kirchliche Lehren vorweggenommen hat, die später im Zweiten Vatikanischen Konzil kirchliches Allgemeingut wurden. Zum anderen erinnert die Seligsprechung am österreichischen Nationalfeiertag an ein „anderes Österreich“, das den deutschen Einmarsch 1938 nicht feierte, sondern beweinte.
Franziskas Anwesenheit verdeutlicht Franz Jägerstätters Rolle als liebevoller Ehemann und Vater. Während des Gottesdienstes küsst Franziska das Reliquiar mit einem Knochensplitter ihres Mannes, während antike Hymnen über den „Triumph der Märtyrer“ erklingen. Kardinal Christoph Schönborn bringt es auf den Punkt: „Man kann nur staunen, mit welcher Sicherheit dieser einfache Mann die geistige und auch politische Situation seiner Zeit erfasste, Lüge von Wahrheit unterschieden hat.“ Fortsetzung 2008