Das Jahr beginnt mit einer Wallfahrt nach Medjugorje. Kardinal Christoph Schönborn will die Ereignisse dort „entdramatisieren“ und in die normale Pastoral integrieren. Er betont die „positiven Früchte“ wie Gebet, Bekehrung und vertiefte Glaubenserfahrungen der Pilger. Viele Rückkehrer gründen Gebetskreise oder engagieren sich karitativ. Schönborn erinnert an die Leitlinien der Jugoslawischen Bischofskonferenz von 1991, die Medjugorje nicht offiziell anerkennen, aber seelsorgliche Begleitung empfehlen. Bischof Ratko Peric kritisiert Schönborns Besuch als verwirrend, betont jedoch, dass er die Echtheit der Erscheinungen nicht bestätigt, sondern das Verständnis für den Ort fördern möchte. Schönborn sieht Medjugorje als „Schule des christlichen Lebens“ mit Fokus auf Gebet, Eucharistie und Nächstenliebe. Obwohl offizielle Wallfahrten nicht erlaubt sind, übernimmt er Verantwortung für seine Pilger und betont, dass nur die Kirche die Übernatürlichkeit der Geschehnisse klären kann.
Mitte Januar lädt Kardinal Schönborn führende Kirchenvertreter zu einer Tagung der „International Catholic Migration Commission“ (ICMC) in Wien ein. Im Mittelpunkt steht der Menschenhandel, von dem laut UNO über 27 Millionen Menschen betroffen sind. Experten des UNODC und Erzbischof Silvano Tomasi referieren, ebenso wie die Flüchtlingskrisen in Südasien und dem Nahen Osten. Teilnehmer sind unter anderem Patriarch Gregorios III. Laham, Kardinäle John Njue und George Pell.
Anfang Februar reist Kardinal Schönborn in die USA. In Kansas City betont er die Notwendigkeit, die Kluft zwischen Europa und Amerika zu überbrücken und den gegenseitigen Austausch zu fördern. Bei einer Festmesse im Benediktinerkloster St. Benedict’s ruft er zu einem respektvollen Umgang mit Evolution und Kreation auf. Er trifft die „Kleinen Schwestern vom Lamm“ und lobt die Vitalität des US-Katholizismus. Weitere Treffen in New York und Washington sollen auf die Lage der irakischen Christen aufmerksam machen.
In einem Februar-Vortrag in Hamburg beschreibt Schönborn die europäische Kirche als paradox: Kirchen am Rand, aber nicht als Auslaufmodell. Er fordert ein authentisches Christentum, das Freiheit fördert und gegen den Zwang der Mode wirkt. „Heimkehrer“ kehren von der Säkularität zum Glauben zurück. Schönborn sieht Pfarrgemeinden und neue christliche Gemeinschaften als Hoffnungsträger und betont globale Solidarität und respektvollen Umgang mit der Schöpfung.
Die zweite Wiener Diözesanversammlung endet am 13. März im Stephansdom mit dem Ziel, die Kirche missionarischer auszurichten. Schönborn betont, dass „Mission Begegnung ist“ und ermutigt zu Offenheit für Gottes Wirken. Delegierte diskutieren erfolgreiche Mission durch Gemeinschaft, Caritas-Arbeit und Wertschätzung. Eine „Missionswoche“ ab Pfingsten soll Projekte umsetzen. Bonner Pfarrer Wolfgang Picken betont die Bedeutung offener Glaubensgespräche.
Im März betont Schönborn in einem Schreiben zur Bekämpfung sexuellen Missbrauchs, dass die Opfer im Mittelpunkt stehen müssen. Täter sollen ohne Ausreden benannt werden, um die „Schande des Missbrauchs“ zu tilgen. Die Kirche soll sich umkehren und Ursachen wie Priestererziehung und die sexuelle Revolution klären. Präventive Maßnahmen und bessere Vernetzung der Ombudsstellen sind notwendig. Schönborn sieht Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem und fordert eine konsequente Wahrheitssuche.
Angesichts der zahlreichen Meldungen von Betroffenen bittet Kardinal Christoph Schönborn die ehemalige Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, eine unabhängige Opferschutzanwaltschaft einzurichten. Die sogenannte Klasnic-Kommission, offiziell Unabhängige Opferschutzkommission (UOK), nimmt im April 2010 ihre Arbeit auf und erhält allein in den ersten drei Monaten fast 1.000 Meldungen. Sie entscheidet auf Basis eines selbst festgelegten Regelwerks über finanzielle Hilfen, die in vier Kategorien gestaffelt sind und bis über 25.000 Euro betragen können. Zusätzlich werden gegebenenfalls Therapiestunden finanziert. Der Begriff "Entschädigung" wird bewusst vermieden, da das erlittene Unrecht nicht objektiv messbar ist. Das Verfahren setzt auf Glaubhaftmachung, um eine erneute Traumatisierung der Betroffenen zu vermeiden.
Um die Entscheidungen der UOK umzusetzen, wird die kirchliche Stiftung Opferschutz gegründet. Das Kuratorium der Stiftung besteht aus Vertretern der nationalen Ordensgemeinschaften und einem Bischof, der Vorstand ist paritätisch mit Vertretern von Orden und Diözesen besetzt. Eine Rahmenordnung, die im Juni 2010 verabschiedet und seitdem mehrfach überarbeitet wird, stellt sicher, dass alle Diözesen, Ordensgemeinschaften und kirchlichen Mitarbeiter die gleichen Standards einhalten. Die aktuelle Fassung ist seit September 2021 in Kraft und vom Vatikan approbiert.
Das Maßnahmenpaket der Kirche in Österreich zielt darauf ab, erlittenes Unrecht anzuerkennen und Täter zur Verantwortung zu ziehen. Gewalt und Missbrauch oder deren Duldung durch Wegschauen sollen durch ein umfassendes Präventionsprogramm verhindert werden. Das Verfahren umfasst vier Stufen: Betroffene wenden sich an eine Ombudsstelle, die Diözesankommission prüft die Vorwürfe und schlägt Maßnahmen vor, die unabhängige Opferschutzkommission entscheidet über Finanzhilfen und Therapien, und die Stiftung Opferschutz setzt diese Entscheidungen um. Dieses Vorgehen symbolisiert den Versuch, aus der Vergangenheit zu lernen und Missbrauch aktiv zu bekämpfen.
In der Karwoche leitet Schönborn einen Klage- und Bußgottesdienst im Stephansdom mit rund 3.000 Teilnehmern. Er gesteht die Schuld der Kirche an Missbrauchsfällen ein und betont die Notwendigkeit, vom „hohen Ross“ zu steigen. Die Liturgie steht unter dem Motto „Ich bin wütend, Gott!“, und Opfer bringen ihre Erfahrungen vor. Schönborn fordert Gehör, Anteilnahme und die Beendigung jeglicher Vertuschung.
Am 12. April besucht Schönborn mit 200 Pilgern die Ausstellung des Turiner Grabtuchs. Er meditiert vor dem Leichentuch Christi und hält einen Vortrag zum Thema „Passio Christi – Passio Hominis“. Er betont Papst Benedikt XVI.s entschlossenes Vorgehen gegen Missbrauch und verweist auf historische Maßnahmen. Trotz Regens besuchen 48.000 Menschen die Ausstellung.
Am 14. Mai in Mariazell betont Schönborn vor den Pfarrgemeinderäten die Rolle der Christen als „Kraft der Alternative“ in der säkularen Gesellschaft. Er sieht die Diaspora als Chance, sich auf christliche Grundanliegen zu besinnen und fordert pastorale Kreativität durch Dialog. Der Kongress endet versöhnlich mit neuer Begeisterung und Zusammenhalt der österreichischen Kirche.
Am Pfingstmontag eröffnet Schönborn im Stephansdom die „Missionswoche“ der Erzdiözese Wien. Er ruft zum offenen Zeugnis Jesu auf und bietet zahlreiche Aktionen wie Messen, Gesprächsrunden und persönliche Treffen mit dem Kardinal an. Die Woche schließt mit der „Langen Nacht der Kirchen“, die verschiedene spirituelle und kulturelle Aktivitäten bietet.
Anfang September empfängt Schönborn den Abt des Shaolin-Tempels, Shi Yongxin, zu einem Dialog der Weltreligionen in Wien. Beide appellieren für mehr interreligiösen Austausch zur Friedenssicherung. Schönborn betont Österreichs Engagement im interreligiösen Dialog und gemeinsame Werte wie das Mönchtum.
Eine Woche später empfängt Schönborn eine Delegation der panafrikanischen Bischofskonferenz (SECAM) in Wien. Die afrikanischen Bischöfe fordern mehr Engagement der Industrieländer für die Millenniumsziele. Schönborn unterstützt dies und betont die Bedeutung von Solidarität und Unterstützung der kirchlichen Arbeit in Afrika
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Am 26. September endet die zwölfte Vollversammlung des katholisch-orthodoxen Dialogs in Wien mit Gottesdiensten im Stephansdom und der griechisch-orthodoxen Kathedrale. Schönborn betont den „Dialog der Liebe“ und den „Primat der Liebe“ als Grundlage der Zusammenarbeit. Der Vatikan lobt Wien als Brücke zwischen Ost und West.
Am 11. Oktober startet die Erzdiözese Wien eine Medieninitiative mit dem Magazin „Grüß Gott“ und dem neuen Webportal www.erzdioezese-wien.at. „Grüß Gott“ soll als Gruß an die Wiener dienen und erreicht 720.000 Leser. Das Onlineportal bietet moderne Funktionen und erweitert die Social-Media-Präsenz der Erzdiözese auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram, um den Dialog zu intensivieren.
Am 14. Oktober eröffnet Schönborn die dritte Wiener Diözesanversammlung mit einem „Masterplan“ für Strukturreformen. Er fordert aktive Gestaltung der Veränderungen und verbindet Strukturreform mit Missionsgedanken. Der Fokus liegt auf Jüngerschulung und Sensibilität für religiöse Vielfalt. Der Jesuit Klaus Mertes lobt Schönborns Schritte im Umgang mit Missbrauchsfällen und sieht die „Option für die Opfer“ als Vorbild für die Gesellschaft. Fortsetzung 2011