Das Jahr beginnt mit dem 70. Geburtstag von Kardinal Christoph Schönborn. Am 23. Januar 2015 hält Bischof Egon Kapellari im Wiener Stephansdom eine Laudatio bei einem Benefizkonzert. Kapellari lobt Schönborns unermüdlichen Einsatz für Kirche und Zivilgesellschaft sowie seine Persönlichkeit, die geprägt ist von Intellekt, Bescheidenheit und Empathie. Das Konzert „Magnificat. Meine Seele preist den Herrn!“ unterstützt Caritas-Projekte und das Krisenzentrum „Petrushka“ für Kinder in Moldawien.
Im Februar beteiligt sich Schönborn an der parteiübergreifenden Diskussion zur Spätabtreibung behinderter Kinder. In einer Stellungnahme gegenüber "Kathpress" bezeichnet er die aktuelle Rechtslage als widersinnig und eine schwere Wunde für ein Land, das die Würde von Menschen mit Behinderung hochhält. Er betont, dass Behinderung zwar eine Herausforderung darstellt, aber niemals ein Todesurteil rechtfertigt, da die meisten Menschen mit Behinderungen ihr Leben als lebenswert empfinden. Schönborn fordert eine menschenfreundliche Gesellschaft, die Eltern von behinderten Kindern unterstützt und nicht alleinlässt. Er kritisiert das Gesetz, das Abtreibungen bei schwerer Behinderung bis zur natürlichen Geburt erlaubt und die gesellschaftliche Verantwortung untergräbt. Zudem begrüßt er die neue parteiübergreifende Diskussion zu diesem Thema, die einen konstruktiven Dialog fördern soll.
Ende Februar kondoliert Schönborn dem koptischen Papst-Patriarchen Tawadros II. nach der Ermordung von 21 koptischen Christen durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In einem veröffentlichten Schreiben drückt er seine große Betroffenheit und Bestürzung über die brutalen Morde in Libyen aus und spricht den in Wien lebenden Kopten seine Solidarität aus. Schönborn verurteilt das Töten im Namen Gottes als schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Gott selbst. Er lobt die 6.000 in Wien lebenden Kopten als lebendige Gemeinden, die auch in Leid und Verfolgung treu zu ihrem Glauben stehen. Schönborn bezeichnet die koptischen Christen als großes Vorbild und Bereicherung für Österreich und wünscht, dass das Blut der Märtyrer deren verblendete Mörder zur Besinnung bringt sowie die Christen zu mehr Mut im Glauben inspiriert.
Ende April appelliert Schönborn in einem offenen Brief an die österreichische Regierung, mehr Rettungsmittel für Bootsflüchtlinge im Mittelmeer bereitzustellen und die Rettungsaktion Mare Nostrum 2.0 wieder aufzunehmen. Veröffentlicht in der „Kronen Zeitung“ und „Heute“, betont er die Notwendigkeit eines Europas der Mitmenschlichkeit, das nicht nur Grenzen, sondern vor allem Menschen schützt. Schönborn fordert die Minister auf, schnellere Entscheidungen in Brüssel zu treffen, um das Sterben im Mittelmeer zu verhindern. Zusätzlich ruft er zur Erhöhung der Mittel für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und zur Einhaltung internationaler Versprechen auf. Er warnt vor der zunehmenden Isolation Europas, die er mit einer zweiten Mauer vergleicht, die den Kontinent abschließt und blind für die Not der Ertrinkenden macht. Die jüngste Katastrophe mit über 1.100 ertrunkenen Flüchtlingen sieht er als sprachloses Zeichen des Massengrabs im Mittelmeer. Schönborn erinnert an Papst Franziskus’ Besuch auf Lampedusa und dessen Warnung vor der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Er betont die reiche humanitäre Tradition Österreichs und fordert einen nationalen Schulterschluss im Sinne von Solidarität und Nächstenliebe, um den Idealen von Mitmenschlichkeit und Völkerrecht gerecht zu werden.
Am 10. Juli wiederholt Schönborn in seiner wöchentlichen Kolumne seine Forderungen nach einem menschlichen Umgang mit Flüchtlingen und lehnt Angstmacherei ab. Er betont, dass die anhaltend starken Flüchtlingsströme nach Österreich ein europäisches Problem sind, das nicht allein von Österreich gelöst werden kann. Schönborn hebt hervor, dass trotz wachsender Sorge in der Bevölkerung die Solidarität zunimmt. Die Kirche leistet dabei eine wichtige Rolle: Bisher sind 4.000 Flüchtlinge in kirchlichen Gebäuden untergebracht, und täglich kommen weitere hinzu. Besonderes Augenmerk legt der Kardinal auf minderjährige Flüchtlinge, wie im Kloster St. Gabriel in Maria Enzersdorf, wo 43 Minderjährige und über 100 Erwachsene aufgenommen werden.
Er kritisiert die öffentliche Debatte und fordert eine Abrüstung der Worte, um Spaltung zu vermeiden. Zudem unterstreicht er die Notwendigkeit von Zuwanderung zur Sicherung von Pflege und Renten und ruft zur Erhöhung der Entwicklungszusammenarbeit auf. Schönborn betont, dass Solidarität und Ehrlichkeit ohne Angst essentiell sind, um die Herausforderungen der Flüchtlingskrise gemeinsam zu bewältigen.
Mitte August bezeichnet Schönborn die Flüchtlingskrise als dramatischer als den Bosnienkrieg oder den Ungarnaufstand. Beim Festgottesdienst zu Mariä Himmelfahrt mahnte er, es sei eine Schande, sich der Not nicht zu stellen. Er erinnerte an historische Fluchten, darunter die Flucht Marias und Josef, seine eigene Flucht aus der Tschechoslowakei 1945 und die Flucht von Juden vor den Nazis. Schönborn kritisierte Länder, die damals ihre Türen verschlossen, und warnte vor ähnlichen Situationen heute. Der Kardinal rief zu verbesserter Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg auf, um die Krise zu lösen. Zudem hob er die Christenverfolgung im Nahen Osten hervor und erwähnte eine Initiative von 50 europäischen Diözesen, die mit Glockengeläut an die Verfolgten erinnern wollen.
Nach dem Fund von 71 toten Flüchtlingen in einem Schlepper-LKW nahe Wien Ende August reagierten Kirchenvertreter entsetzt. Kardinal Schönborn bekundete tiefes Mitgefühl und plante einen Gedenkgottesdienst im Stephansdom. Er kritisierte die EU-Politik scharf und forderte ein geeintes Vorgehen gegen Schlepper sowie eine gesamteuropäische Lösung der Flüchtlingstragödie. Bischof Ägidius Zsifkovics und andere Kirchenführer betonten die versagende europäische Politik und riefen zu solidarischem Handeln auf.
Die ökumenische Zusammenarbeit wurde durch die Übergabe der Neulerchenfeldkirche an die serbisch-orthodoxe Eparchie Österreich-Schweiz am 27. Mai gestärkt. An der liturgischen Feier nahm der neu am Freitag in Belgrad gewählte Bischof Andrej Cilerdzic teil, der erstmals als in Wien residierender Bischof fungiert. Die Übergabe erweiterte das serbisch-orthodoxe Gotteshausangebot in Wien auf vier Kirchen und symbolisierte eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit sowie die multikulturelle Vielfalt Wiens. Trotz Widerstands eines in Neulerchenfeld tätigen Geistlichen, dessen Rekurse beim Vatikan abgelehnt wurden, initiierte die Stiftung "Pro Oriente" die Wiedervereinigung der benachbarten katholischen Pfarrgemeinden und die Übergabe der Neulerchenfeldkirche. Dies unterstrich die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und der Zusammenarbeit in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft.
Im Oktober eröffnet Papst Franziskus die Weltbischofssynode über Ehe und Familie im Petersdom. Kardinal Christoph Schönborn leitet die deutschsprachige Gruppe und betont die Notwendigkeit eines missionarischen Geistes sowie einer offenen Dialogkultur. Er vergleicht die Synode mit dem Apostelkonzil von Jerusalem und fordert, dass persönliche Zeugnisse vom Wirken Gottes im Vordergrund stehen. Ziel der Synode ist es, kirchliche Lehre mit pastoraler Flexibilität zu verbinden und die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft zu betonen. Schönborn plädiert für eine differenzierte Betrachtung einzelner Ehefälle und eine positive Bewertung vorehelicher Beziehungen. Er fordert eine personalisierte Seelsorge, die kirchliche Lehre und individuelle Umstände berücksichtigt. Weitere Kirchenführer wie Bischof Benno Elbs unterstützen die heilsame Dezentralisierung der Kirchenstrukturen, um regionale Lösungen zu fördern. Innerhalb der Synode entbrennen Debatten zwischen Kardinal Walter Kasper, der Barmherzigkeit für wiederverheiratete Geschiedene vorschlägt, und Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der die Unauflöslichkeitslehre strikt verteidigt. Schönborn und Kurt Koch fungieren als Vermittler und streben eine Balance zwischen Barmherzigkeit und kirchlicher Lehre an. Papst Franziskus betont, dass die Synode sowohl dogmatische Grundlagen stärken als auch konkrete pastorale Lösungen für moderne Herausforderungen entwickeln soll.
Die Sprachgruppen erstellen einen Abschlussbericht für den Papst. Schönborn hofft auf einen „Mehr-Wert“ durch den Heiligen Geist und eine pastorale Neuausrichtung der Kirche hin zu mehr Mission und Gemeinschaft. Beim 50-jährigen Jubiläum der Bischofssynode hält Schönborn die Keynote und betont die Synode als Ort der Umsetzung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestrebten Reformen. Er fordert die Bischöfe auf, mehr persönliche Zeugnisse zu teilen und weniger abstrakt zu sprechen. Insgesamt strebt die Synode eine Balance zwischen kirchlicher Lehre und pastoraler Flexibilität an, um den vielfältigen Lebensrealitäten der Gläubigen gerecht zu werde.
Mitte November besucht Kardinal Christoph Schönborn den Libanon und lobt die bemerkenswerte Leistung der Bewohner und Kirchen, die trotz der großen Zahl an syrischen und irakischen Flüchtlingen Hoffnung und Solidarität zeigen. In einem Interview äußert er seine Bewunderung für die Widerstandsfähigkeit der libanesischen Gemeinden. Der Kardinal hebt die Bedeutung des religiösen Zusammenhalts und der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften hervor, um Frieden und Stabilität in der Region zu fördern. Schönborn fordert eine verstärkte internationale Unterstützung und betont die Notwendigkeit, gemeinsam gegen die humanitäre Krise vorzugehen.