Wie wird wohl heuer Ostern in der Ukraine gefeiert? Und wie in Russland? Beide Länder haben christliche Wurzeln. In beiden Ländern sind die meisten Christen orthodox. Sie feiern Ostern nach dem alten julianischen Kalender, heuer eine Woche später als wir. Ostern ist das höchste Fest der Christenheit, die Feier von Tod und Auferstehung Jesu. Die orthodoxen Christen begehen Ostern besonders feierlich. Sie begrüßen einander in diesen Tagen mit „Christus ist auferstanden!“ und antworten darauf: „Er ist wahrhaft auferstanden!“ Werden die russischen und die ukrainischen Soldaten einander so begrüßen? Werden endlich die Waffen schweigen? Wird es eine echte Auferstehung in Frieden geben? Ostern, der Sieg des Lebens über den Tod – wird das greifbare Wirklichkeit?
Mich bewegt am Ostersonntag immer neu ein Wort Jesu. Es ist, nach dem Johannesevangelium, das erste Wort, das der Auferstandene spricht, und es ist ein Wort des Mitgefühls: „Frau, warum weinst du?“ Am Ostermorgen erscheint Jesus nicht zuerst triumphal in einer großen Öffentlichkeit, werbewirksam, um möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass er lebt. Er zeigt sich einer weinenden Frau, die ganz früh am Morgen zum Grab gekommen war, hingezogen vom Schmerz über den Tod dieses von ihr so geliebten Menschen. In der Stille der Morgenstunde ist ihm nichts wichtiger, als dieser Frau Trost zu schenken.
Ostern heißt heuer für mich, besonders an die Frauen zu denken, die wie Maria von Magdala um Menschen trauern, die ihnen nahe waren, Mütter, Ehefrauen, Freundinnen von gefallenen Soldaten, Frauen, die mit ihren Kindern geflüchtet sind, um dem mörderischen Krieg zu entkommen, um ihn zu überleben. Sie sind auf beiden Seiten zu finden, der russischen und der ukrainischen. Angesichts dieser Tränen wird noch einmal deutlicher, welcher Wahnsinn dieser Krieg ist.
Ostern feiern im Wissen um so viel Leid und Tod, wie soll das gelingen? Wie kann da echte, ehrliche Osterfreude aufkommen? Mir hilft dazu das Osterevangelium. Jesu Sieg über den Tod, seine Auferstehung aus dem Grab und damit die Botschaft von Ostern, erreicht uns nicht über Fernsehkanäle und Weltnachrichten. Sie kommt zu uns über die einfache Begegnung liebevoller Aufmerksamkeit. Jesus spricht die trauernde Maria von Magdala mit ihrem Namen an, und da erkennt sie ihn und weiß, dass er lebt und bei ihr ist. Ostern in diesem Jahr neu erfahren, das kann Wirklichkeit werden, wenn wir nicht wegschauen von den Tränen der Trauernden. Dann können wir einander wirklich den Ostergruß zusprechen: „Christus ist wahrhaft auferstanden!“