Kein Zeichen bezeichnet das Christentum besser als das Kreuz. Für das Judentum steht der Davidstern, für den Islam der Halbmond, für das Christentum das Kreuz. Den Grund dafür liefert das Geschehen, das heute im Mittelpunkt aller christlichen Feiern steht: die Kreuzigung Jesu. Um sie geht es am Karfreitag. Bei jeder Kreuzwegandacht heißt es: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“ Wie wurde aus der unvorstellbar grausamen Todesart, die man Jesus angetan hat, ein anbetungswürdiges Geschehen, das in höchsten Tönen verehrt wird? „Heil’ges Kreuz, sei hoch verehret, Baum, an dem der Heiland hing“, so singen die christlichen Gemeinden heute.
Abscheu vor dem Kreuz und Verehrung des Kreuzes, beides steht unversöhnt nebeneinander. Wer in christlicher Umgebung aufgewachsen ist, stört sich meist nicht an den allgegenwärtigen Darstellungen eines Mannes, der fast nackt, an den ausgestreckten Armen und an den Füßen an das Holz des Kreuzes genagelt dargestellt wird. Wer diesen Anblick nicht gewohnt ist, mag sich verwundert oder sogar angewidert fragen, warum die Christen über diese Darstellung nicht entsetzt sind.
Ich erinnere mich an mehrere Sterbende, die ich begleiten durfte, für die der Blick auf den gekreuzigten Jesus ein Trost war. Und so muss es wohl vielen gehen, die vor einem Marterl, einem Wegkreuz oder einem „Herrgottswinkel“ zu Hause zu beten versuchen. Nicht umsonst ist die Darstellung des gekreuzigten Jesus das bei weitem häufigste christliche Bildmotiv.
Doch gibt es auch die andere Seite. Im Judentum ist das Kreuz mit zu vielen Schrecken verbunden, durch all die Jahrhunderte der Diskriminierung und Verfolgung durch die Christen. Und auch im Islam ist dieses Zeichen völlig verpönt, erinnert es doch an die Kreuzzüge und die jahrhundertelangen kriegerischen Auseinandersetzungen. In der heutigen säkularen Gesellschaft wird vielfach versucht, alle religiösen Zeichen aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Das Kreuzzeichen steht hier besonders unter Kritik.
Heute darf ich im Stephansdom die Karfreitagsliturgie feiern, fast ohne Corona-Einschränkungen. Wie soll ich erklären, dass es für mich jedes Jahr einer der innigsten Gottesdienste ist? Trauer und Trost sind darin so eng verbunden. Das Leid der Welt wird nicht ausgeblendet. Aber es hat nicht das letzte Wort. In die Trauer des Karfreitags leuchtet schon das Licht des Ostermorgens, die Gewissheit der Auferstehung. Darum verehren wir das Kreuz.