Friede sei mit euch! Das ist der normale Gruß, mit dem die Menschen einander grüßen, in Israel, in der arabischen Welt. „Schalom alejchem“ auf Hebräisch. „Salam aleikum“ auf Arabisch. Mit diesem ganz üblichen Alltagsgruß begrüßt Jesus seine verängstigten Jünger, als er plötzlich mitten unter ihnen steht, trotz der verschlossenen Türen. So hat er sie wohl immer begrüßt. Aber an diesem Abend hatte sein Gruß eine ganz besondere Bedeutung. Und für uns klingt er heuer wohl auch stärker als sonst. „Friede sei mit euch!“ Täglich werden wir mit Nachrichten und Bildern vom Krieg in der Ukraine erschüttert. Viele von uns sind inzwischen Flüchtlingen aus der Ukraine begegnet, meist Frauen mit Kindern. Wir spüren, welches Gewicht das Wort Frieden hat, wenn die Waffen so viel Not bewirken.
Jesus grüßt die Seinen am Abend des Ostertages mit „Frieden!“ Mich berührt es immer, dass er ihnen keinerlei Vorwürfe macht, obwohl er dafür Grund genug gehabt hätte. Sie haben ihn alle im Stich gelassen, haben sich in Sicherheit gebracht und die Türen fest verriegelt. Die Angst war verständlich. Sie mussten damit rechnen, dass sie als Anhänger Jesu ebenfalls festgenommen würden und wie Jesus am Kreuz enden könnten. Jetzt zeigt er ihnen einfach seine Wunden. Daran erkennen sie, dass es wirklich Jesus ist, der da unter ihnen steht. Er lebt! Die Freude lässt sich schwer in Worte fassen. Sie ist bis heute für alle spürbar, die erleben, dass Jesus lebt und bei uns ist.
Thomas war an diesem Abend nicht dabei. Er empfindet noch nicht die Freude, die die anderen bewegt. Mich erinnert der „ungläubige Thomas“ an die Vielen, die ihre Zweifel haben, ob das alles stimmt, was da von Jesus geglaubt und gesprochen wird. Sie sagen: „Schön, dass du glauben kannst! Ich kann es nicht. Es sagt mir nichts.“ Es ist ja auch wirklich nicht selbstverständlich zu glauben, dass Jesus lebt und unter uns gegenwärtig ist. Wir brauchen die eigene Erfahrung, um selber glauben zu können. Sicher hilft es, wenn andere von ihrem Glauben erzählen, vor allem wenn man spürt, dass der Glaube sich in ihrem Leben bewährt. Thomas hat die Freude seiner Kollegen gesehen. Aber das war ihm nicht genug. Er wollte handfeste Beweise.
Es ist tröstlich, dass es unter den Aposteln den Zweifler Thomas gab. Er ist ein Vorbild für alle, die es sich mit dem Glauben nicht zu leicht machen, die Fragen stellen, zu verstehen versuchen, die wissen wollen, ob es sinnvoll ist, an Jesus und seine Auferstehung zu glauben. Thomas steht für sie alle und zeigt ihnen, dass auch sie in der Kirche Platz haben. Jesus verlangt keinen blinden Glauben. Oft sind es die Suchenden und Zweifelnden, die dann, wie Thomas, zu tief gläubigen Menschen werden, wenn sie eine lebendige Glaubenserfahrung machen dürfen. Wie Thomas können sie dann aus ehrlichem Herzen sagen: „Mein Herr und mein Gott.“ Weil sie oft lange gesucht und gerungen haben, sind sie umso glaubwürdiger. All den vielen Suchenden wünsche ich ein herzliches „Shalom“, „der Friede sei mit euch!“