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Die Sehnsucht nach Geborgenheit

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 8. Mai 2022.

07.05.2022
© Erzdiözese Wien- Schönlaub

Kaum ein Text aus der Bibel wird so oft zitiert wie der Psalm 23, das Lied vom guten Hirten: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mit Zuversicht …“


Zahlreich sind die Vertonungen dieses Psalms. Auf Spruchkarten, Sterbeanzeigen, immer wieder wird der Psalm zitiert. Warum berührt das Bild von Gott als „meinem Hirten“? Es spricht offensichtlich viele Menschen an. Das ist umso überraschender, als der Hirte mit seinen Schafen aus unserer modernen Lebenswelt weitgehend verschwunden ist. Vielleicht liegt es daran, dass das Bild vom Hirten, der das Schaf auf den Schultern trägt, eine Ursehnsucht von uns Menschen anspricht: die Suche nach Geborgenheit. Der gute Hirte steht für Schutz, Zuwendung, Nähe. Genau das bringt der Psalm 23 so schön zum Ausdruck. Schon lange vor der christlichen Deutung des Hirten als Bild für Jesus, der sich selber als der gute Hirte bezeichnet, gab es die Darstellung des Hirten als Ausdruck der Sorge Gottes für die Menschen.


Aber stimmt dieses Bild mit der Wirklichkeit überein? Die Schafe werden ja geschlachtet. Sie dienen als Wollproduzenten und als Nahrungslieferanten. Heute ist alles kommerzialisiert, rationalisiert, profitorientiert. Da wirkt das fromme Bild vom guten Hirten eher romantisch, weit entfernt von der Brutalität der modernen Schlachthöfe. In der Bildwelt der Bibel spielt das Lamm eine wichtige Rolle. Das Osterlamm gehört zum jüdischen Pessachfest. Jesus wurde gekreuzigt zu der Zeit, in der damals im Jerusalemer Tempel die Osterlämmer geschlachtet wurden, um dann beim Pessachmahl gegessen zu werden. Bis heute ist auch am christlichen Osterfest das Lamm die beliebte Speise. Es erinnert daran, dass Jesus selber als das „Lamm Gottes“ bezeichnet wird, das den Tod für uns erlitten hat.
Jesus hat dem Bild vom Hirten eine neue Tiefe gegeben. Das heutige kurze Evangelium ist ein Ausschnitt aus der „Hirtenrede“ Jesu, in der er von sich selber sagt: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“, und er vergleicht das mit dem schlechten Hirten, der vor dem Wolf flieht und die Schafe dem Wolf überlässt: „Ihm liegt nichts an den Schafen“, er denkt nur an sich selber. Anders der gute Hirte: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.“ Mich erinnert das an den Bauern in unserer Nachbarschaft (er ist längst gestorben und die Wiesen sind inzwischen alle verbaut): Er rief seine Kühe immer beim Namen und sie hörten auf ihn.


Die Worte Jesu strahlen vor allem ein tiefes Vertrauen aus. Wer zu den Schafen dieses guten Hirten gehört, bekommt eine feste Zusage: „Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ Gilt dieses Versprechen nur den „frommen Schafen“? Nicht den entlaufenen, verirrten? Jesus hat darauf eine starke Antwort gegeben mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem der Hirte nachgeht, bis er es findet. Dem guten Hirten ist keines egal, er schreibt keines ab.


Das hat der gute Hirte mit den Müttern gemeinsam. Heute ist ja auch Muttertag. Meine Mutter mochte diesen Tag nichts besonders. Ihr wäre es lieber, sagte sie, wenn wir das Jahr über ein gutes Miteinander leben. Trotzdem finde ich es gut, heute unseren Müttern eigens zu danken. Sie haben ja etwas mit dem guten Hirten gemeinsam. Beide vermitteln die Gewissheit der Geborgenheit; selbst wenn wir uns verirren sollten, sie werden uns immer im Herzen bewahren, auch über den Tod hinaus.

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