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Not und Segen des Gebets

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, 24. Juli 2022 (Lukas 11,1-13).

24.07.2022
© shutterstock.com
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Ich kann nicht beten! Diese Klage ist oft zu hören. Mir kommt sie manchmal selber ins Herz. Dann kommen Zweifel auf, zumindest Fragen: Hat Beten überhaupt einen Sinn? Was bewegt es schon? Hat es je geholfen, einen Krebskranken zu heilen oder einen Krieg zu stoppen? Ich erinnere mich an meine Zeit als Theologiestudent, wie es mich verunsichert hat, als einer unserer Professoren sich lustig machte über das Gebet um Regen. Wann es regnet oder nicht regnet, das sei Sache der Naturgesetze. In seinen Augen bin ich wahrscheinlich naiv, weil ich bis heute oft den Wettersegen bete und also Gott bitte, uns vor Unwettern zu bewahren. Aber die Frage bleibt natürlich bestehen: Bewirkt mein Wettersegen wirklich etwas in der Natur und ihren Abläufen? Müssen wir nicht vielmehr selber alles uns Mögliche tun, damit der Klimawandel nicht zur Klimakatastrophe wird?

 

Trotz aller dieser kritischen Einwände wird nach wie vor viel gebetet. Not lehrt beten, sagt man. Ja, es stimmt, in Notsituationen kommt uns spontan das Beten in den Sinn. „Noch nie habe ich so viel gebetet“, hört man dann sagen, wenn jemand über eine Erfahrung großer Not erzählt. Beten lernen wir aber nicht nur durch Nöte. Stärker wirkt wohl das erlebte Vorbild. Wer Menschen beten sieht, kann das Verlangen spüren, selber zu beten.

 

So muss es den Jüngern Jesu gegangen sein. Sie sahen oft, wie Jesus betete. Das weckte offensichtlich in ihnen den Wunsch, mehr zu wissen über die Welt des Gebets: „Herr, lehre uns beten!“ Sie glauben also, dass man beten lernen kann, wie Lesen und Schreiben, wie eine Sprache oder ein Handwerk. Lernen heißt immer auch üben, möglichst regelmäßig. Was wir nicht ausüben, verlernen wir wieder. Beten kann man lernen und leider auch wieder verlernen.

 

Wer beten lernen will, braucht dazu Gebetshilfen. Das ist der Sinn von vorformulierten Gebeten, die man auswendig lernen kann. Ein solches Gebet hat Jesus selber formuliert. Es wurde das bekannteste christliche Gebet: das Vaterunser. Im Matthäusevangelium steht die gebräuchliche Fassung, Lukas bietet eine etwas kürzere. Jesus hat in diesem Gebet alles zusammengefasst, worum wir beten sollen, und auch die richtige Reihenfolge der Bitten. Jesus hat Gott mit dem vertrauensvollen Wort Abba, Vater, angesprochen. So sollen auch wir es tun. Gott zu vertrauen ist das ABC der Gebetsschule. Was aber erbitten wir mit „geheiligt werde dein Name“? Dass Gott geliebt und geehrt werde, und dass „dein Reich komme“, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens.

 

Die anderen Bitten betreffen das, was uns Menschen am meisten nötig ist. Zuerst das tägliche Brot, ohne das niemand leben kann. Dann die Vergebung, die wir für unsere Verfehlungen von Gott erbitten und die er uns nur gibt, wenn wir bereit sind, einander zu vergeben. Und schließlich die Bitte, vor Situationen bewahrt zu bleiben, die uns zum Bösen verführen.

 

So wichtig und hilfreich überlieferte Gebete sind, Jesus ermutigt zu mehr: Direkt und drängend Gott unsere Nöte anzuvertrauen. Das Beispiel des lästigen Freundes, der in der Nacht keine Ruhe gibt, bis sein Freund ihm gibt, was er braucht, soll Mut machen, anzuklopfen und zu bitten. Und wenn Gott auf unsere Bitte nicht das gibt, was wir erwarten? Vertrauen, dass Er es uns anders gibt als wir es haben wollten.

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