Würde heute eine solche Frage noch gestellt werden: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Jahrhundertelang hat diese Frage die Menschen beschäftigt, besorgt, geplagt. Wie wird es nach dem Tod aussehen? Himmel oder Hölle? Ewiges Glück oder ewige Qual? Wie ein dunkler Schatten begleitet die Geschichte des Christentums die Furcht vor der ewigen Verdammnis. Auf die Frage an Jesus haben pessimistische Theologen geantwortet: Die meisten Menschen enden in der Hölle, nur wenige werden gerettet. So dachten große Heilige wie Augustinus, bedeutende Reformatoren wie Martin Luther oder Johannes Calvin. Schlimmer noch: Manche vertraten die Ansicht, dass Gott selber dahintersteht. Er bestimmt, wer gerettet wird und wer verloren geht.
Neben diesen düsteren Aussichten gab es immer auch die anderen Stimmen. Oft waren es Frauen, die Worte der Hoffnung fanden, die Gottes Barmherzigkeit größer sahen als alle Gefahren, verloren zu gehen. Vor allem erkannten sie in Jesus den Retter, der will, dass alle das ewige Glück erreichen. Er sei doch für alle Menschen gestorben. Er sei der gute Hirte, der dem verlorenen Schaf nachgeht, bis er es gefunden und gerettet hat.
Wie antwortet Jesus selber? Im heutigen Evangelium fällt mir auf, dass Jesus auf die neugierige Frage dieses Mannes gar nicht eingeht. Warum willst du wissen, wie viele gerettet werden? Schau vielmehr auf das, was du jetzt tun kannst! Bemühe dich mit allen deinen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen! Anderswo macht Jesus das noch deutlicher: „Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“
Gibt also Jesus doch denen recht, die eine pessimistische Sicht haben? Gehen auch für Jesus die meisten Menschen ewig verloren? Ist die Hölle übervoll und der Himmel dünn besiedelt? Genau das ist nicht das Thema Jesu! Er redet nie in allgemeinen Aussagen. Er spricht immer uns alle persönlich an. Du bist gefragt! Die enge Tür oder der breite Weg, das sind deine täglichen kleinen Entscheidungen. Ganz nüchtern sagt Jesus: Die meisten Menschen neigen dazu, den breiten Weg zu wählen, weil er der bequemere ist, weil auch die anderen ihn gehen. Die enge Tür, der schmale Weg, verlangen Aufmerksamkeit, Entschiedenheit und Anstrengung. Aber nur diese Tür, nur dieser Pfad führt zum Leben, nicht erst am Schluss zum ewigen Leben, zum Himmel, sondern schon hier auf Erden zu einem vollen, erfüllten und glücklichen Leben.
Aber stimmt es denn, dass die meisten Menschen den breiten Weg wählen? Ist nicht das tägliche Leben voller Engpässe? Mühen wir uns nicht schon reichlich genug, um halbwegs mit allen Sorgen und Plagen über die Runden zu kommen? Jesus hat selber dreißig Jahre lang das Leben voll Arbeit in Beruf und Familie durch und durch gekannt. Sein Herz gehörte den Armen, Bedrückten, Verfolgten. Er hat getröstet, nicht verurteilt. Er hat aufgerichtet, nicht niedergemacht. Er ist selber durch die enge Tür des Mitgefühls und der Barmherzigkeit gegangen. Er hat sein Herz weit gemacht für alle menschliche Not.
Sind es also viele oder wenige, die den Weg zum Leben finden? Die Antwort können wir nur selber geben. Gehe ich den bequemen Weg des Egoismus oder bemühe ich mich, durch das enge Tor der Güte und Geduld, der Rücksicht und des Verzichts zu gehen? Wenn ich dazu bereit bin, ist die Welt schon ein wenig besser und glücklicher und der Himmel ein Stück näher.