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Was wir brauchen werden

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 28. August 2022.

28.08.2022
© Photo by Beth Macdonald on Unsplash
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Jesus wird genau beobachtet. Aber auch er schaut genau hin. Es gibt zwei Arten, die anderen zu beobachten: die häufigere ist die kritische, die die Fehler der anderen sucht und verurteilt. So wurde Jesus oft beobachtet, um Gründe zu finden, ihn abzulehnen. Jesus hat das Verhalten der anderen mit Wohlwollen beobachtet. Er wollte nicht verdammen, sondern helfen. Er wusste um die Schwächen von uns Menschen, hat uns deshalb aber nicht verachtet. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er unsere Fehler mit ein wenig Humor betrachtet. So auch im heutigen Evangelium.

 

Es hat schon oft etwas Komisches, ja manchmal auch Lächerliches an sich, wie wir Menschen gierig sein können, ganz vorne zu sein, gesehen zu werden, Ehrenplätze zu haben. So geschieht es im Großen wie im Kleinen. Wer wo sitzen darf, in den Klatschspalten der Zeitungen genannt, in den „Seitenblicken“ des Fernsehens gesehen wird, kurz: wer zur Prominenz gehört, das ist für viele ganz wichtig. Ich nehme mich selber davon nicht aus. Als Kardinal bekomme ich oft einen der Ehrenplätze. Da kommt mir manchmal das heutige Evangelium in den Sinn. Wie Jesus wohl uns alle beobachtet mit unserem Streben nach Rang und Vorrang, nach Anerkennung und Bekanntheit? Lächelt er dazu?

 

Das Gleichnis, das er heute erzählt, ist zeitlos aktuell, weil wir Menschen uns gleichgeblieben sind, egal ob zur Zeit Jesu oder in unseren Tagen. Der praktische Rat Jesu bleibt gültig: Suche nicht den Ehrenplatz! Setz dich gleich an den untersten Platz! Wie peinlich, wenn du für einen anderen den Ehrenplatz räumen must. Wie ehrenvoll, wenn der Gastgeber dir sagt: Mein Freund, rücke weiter herauf!

 

Rät Jesus zu einer schlauen Strategie, wie du doch zu einem Ehrenplatz kommen kannst? Das wäre falsche Bescheidenheit, geheuchelte Demut. Ich glaube, der Vorschlag Jesu „funktioniert“ nur, wenn wir nicht doch heimlich im Herzen nach den Ehrenplätzen schielen. Jesus selber hat bewusst und klar den Weg der Bescheidenheit gewählt, als wollte er uns sagen: Mache dich nicht wichtig! Bleib normal! Sei der, der du bist! „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.“ Der Wichtigtuer stürzt schmerzlich ab.

 

Aber Jesus bleibt nicht bei diesen allgemeinen Lebensweisheiten. Er zeigt einen Weg, wie die Wahl des untersten Platzes zu einer echten Glückserfahrung werden kann: Wenn du ein Essen gibst, lade nicht die ein, die auch dich wieder einladen werden. So läuft es normalerweise: Man bleibt unter sich, lädt sich gegenseitig ein, Geben und Nehmen gleichen sich aus. „Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme … ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten.“

 

Wer von dieser Freude des Teilens einmal gekostet hat, wird bestätigen können, dass daneben das Gerangel um die Ehrenplätze ganz unwichtig wird. Warum hat Jesus so oft auf die Liebe zu den Armen hingewiesen? Ich glaube, dass er uns damit etwas Wesentliches zeigen will: Erkenne deine eigene Armut! Alles Geld und alle Ehren ändern nichts daran, dass wir im Grunde bedürftige Menschen bleiben, die Liebe, Zuwendung und Hilfe brauchen. Die Zuwendung zu den materiell und seelisch Armen erinnert uns daran, dass wir selber Arme sind. Wir gehen in schwere Zeiten. Wir werden die Haltung Jesu dringend brauchen. Dann müssen wir das Kommende nicht fürchten.

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