Oft schon habe ich mir gewünscht, Jesus im O-Ton zu hören, ihn persönlich zu erleben. Ich hätte ihn freilich nicht verstanden, da ich Aramäisch, seine Muttersprache, nicht spreche. Wenigstens hätte ich den Eindruck von ihm bekommen, der damals die Menschen so fasziniert hat. Doch dann tröstet es mich, ihn auch heute hören zu können, wenn aus den Evangelien vorgelesen wird. Selbst in der deutschen Übersetzung haben die Worte Jesu einen unverwechselbaren Ton. Besonders stark empfinde ich das, wenn Jesus Gleichnisse erzählt. In ihnen wird er selber greifbar, spürbar. Da sehe ich ihn, wie er leibt und lebt.
Heute werden im Gottesdienst drei berühmte Gleichnisse Jesu vorgelesen. In allen dreien geht es um Verlorenes und um die Freude des Wiederfindens. Ein Schaf, eine Geldmünze, ein Sohn gehen verloren. Alle drei werden schließlich gefunden und gerettet. Ich beschränke mich auf die beiden ersten Gleichnisse. Das dritte gehört zu den berühmtesten und bekanntesten Gleichnissen Jesu: die unvergleichlich schöne, berührende und herausfordernde Geschichte vom verlorenen Sohn, der in Not gerät und heimkehrt, und den der Vater in die Arme schließt, trotz allem, was er angestellt hat.
Es ist wichtig, darauf zu achten, wann und wem Jesus ein Gleichnis erzählt. Hier sind es die Frommen, die sich über das Verhalten Jesu empören: „Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“ Statt sich zu rechtfertigen oder gar mit diesen frommen Leuten zu diskutieren, erzählt Jesus ihnen Gleichnisse: Wie würdest du dich verhalten, wenn „einer von euch hundert Schafe hat und eines davon dann verliert“? Würdest du nicht alles tun, um es zu finden? Und hättest du nicht eine Riesen-Freude, wenn du es schließlich finden könntest? Und würdest du nicht mit deinen Freunden feiern? „Freut euch mit mir!“
Bis hierher können wohl auch die frommen Gegner Jesu mit. Doch dann wendet Jesus den Blick auf die, die sich selber für gerecht halten und die anderen als Sünder verachten. „Im Himmel herrscht mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“
Spätestens hier müssen seine Gegner merken, was Jesus ihnen mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf sagen will: Gehörst du zu den Zahlreichen, die sich selber für gerecht halten und die anderen deshalb verachten? Glaubt ihr wirklich, dass ihr „keine Umkehr nötig habt“? Umkehr ist das erste, was Jesus allen empfohlen hat, weil wir alle, ohne Ausnahme, der Umkehr bedürfen. Denn keiner von uns ist sicher, dass er nicht auch einmal ein verlorenes Schaf wird. Alle können wir uns verirren, vom Weg abkommen. Bei meinen Besuchen in Gefängnissen bewegt mich jedes Mal dieser Gedanke: Was auch immer die Straftat der Gefangenen sein mag, kann ich mit Sicherheit sagen, dass mir das nie passieren könnte? Wie kannst du dich also über die anderen erheben und auf sie herabschauen?
Jesu Gleichnisse sagen aber noch etwas anderes, Hoffnungsvolles. Er spricht nicht nur von der Gefahr, dass wir alle verloren gehen können. Er verspricht auch, dass Gott niemanden fallen lässt, egal, wer du bist. Jedem verlorenen Schaf geht er nach, „bis er es findet“. Wir halten andere für hoffnungslose Fälle, geben es auf, an eine gute Zukunft für sie zu glauben. Jesus ist wie diese Hausfrau, die wegen einer billigen Münze das ganze Haus durchfegt und überall sorgfältig sucht, „bis sie die Drachme findet“. Ich gestehe, dass meine Geduld manchmal am Ende ist. Gibt es nicht Situationen, die für uns unlösbar scheinen? Die Hoffnung, die Jesus gibt, geht über dieses Leben hinaus. Manches verlorene Schaf kommt erst im Himmel nach Hause zurück.