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Ein Blick in die wahre Welt

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 25.September 2022.

25.09.2022
In diesem Gleichnis bittet der arme Lazarus (nicht zu verwecheln mit dem Bruder der Marta) einen reichen Mann um die Brotstücke, die von seinem Tisch fallen. Stattdessen kommen die Hunde und lecken seine Geschwüre. Nach dem Tod kommt Lazarus in den H
© Erzdiözese Wien/ Stephan Schönlaub, Stephan Schönlaub
In diesem Gleichnis bittet der arme Lazarus (nicht zu verwecheln mit dem Bruder der Marta) einen reichen Mann um die Brotstücke, die von seinem Tisch fallen. Stattdessen kommen die Hunde und lecken seine Geschwüre. Nach dem Tod kommt Lazarus in den H
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Ich beginne mit einer jüdischen Geschichte. Als der Sohn des Rabbi Joshua mit Fieber im Bett lag, hatte er einen Traum. Als er wieder zu sich kam, fragte ihn sein Vater: Was hast du im Traum gesehen? Er antwortete: Eine umgekehrte Welt habe ich gesehen, das Oberste zuunterst und das Unterste zuoberst. Da sagte sein Vater: Mein Bub, dann hast du die wahre Welt gesehen.


Jesus gibt uns heute einen Einblick in die wahre Welt. Wie die Dinge wirklich sind, sieht man erst, wenn man sie vom Ende her betrachtet. Jesus lädt uns immer wieder neu dazu ein, den Blick zu wechseln, vom Schein zum Sein. Da stehen vor uns so klare Worte Jesu wie dieses: „Die Letzten werden die Ersten sein!“  Von einem Letzten erzählt Jesus den Pharisäern im heutigen Evangelium. Er heißt Lazarus. Es ist auffällig, dass Jesus seinen Namen nennt, der im Hebräischen „Gott hat geholfen“ bedeutet. Dieser Lazarus ist ein Inbild des Elends. Sein Leib ist voller Geschwüre. Er hat nichts zu essen. Streunende Hunde kommen und lecken an seinen Wunden. Jesus zeichnet in diesem Gleichnis das Elend des armen Lazarus in krassen Farben. Ebenso das Bild des reichen Mannes, der sich in teuerste Gewänder kleidet, in Purpur und feinstes Leinen. Glanzvolle Feste machen das Haus des Reichen zu einem Ort des Luxus und der Verschwendung.
Beide sterben, Lazarus und der reiche Prasser. „Drüben“ sieht alles ganz anders aus:  Der Arme wird getröstet „in Abrahams Schoß“, der Reiche leidet große Qual in der Unterwelt. Die Verhältnisse haben sich völlig umgedreht. Ist das jetzt die wahre Welt? War das, was   auf   Erden geschah, nur   eine Täuschung, eine Illusion?


Man hat Jesus und dem Christentum vorgeworfen, dass   er die   Armen mit dem Glück im Jenseits vertröstet, statt in dieser Welt Gerechtigkeit zu schaffen. Doch das wäre ein völliges Missverständnis. Denn zuerst geht es im Gleichnis Jesu nicht um das Jenseits, um das, was nach dem Tod geschieht, sondern um das, was sich Tag für Tag vor unserer eigenen Haustüre abspielt. Lazarus liegt vor der Tür des Reichen. Und dieser feiert prächtig, ohne den Armen auch nur zu bemerken. Heute hätte er Lazarus sehen sollen. Es wäre ihm nichts von seinem Wohlstand verloren gegangen, wenn er wenigstens die Überreste seiner Tafel mit dem Armen geteilt hätte.


Das für mich erschütterndste Wort in diesem dramatischen Gleichnis Jesu ist die Bitte, die der reiche Prasser in den Qualen der Unterwelt an Abraham richtet: „Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus“ mit etwas Wasser zu mir, um meine Qual zu lindern. So sieht die wahre Welt aus:  Der Arme kann dir jetzt schon zum Helfer werden, wenn du ihn siehst! Es ist im Grunde ganz einfach. Du brauchst nicht an mögliches Glück oder mögliche Strafe im Jenseits zu denken. Du musst nur in Lazarus, dem Armen vor deiner Tür, den Bruder sehen, der Mensch ist wie du, dem Not und Schmerz weh tun wie dir. Dafür will Jesus uns allen den Blick öffnen.

 

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