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Was heißt das: Glauben?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 2 .Oktober 2022.

02.10.2022
Das Gebet ist eine Konversation mit Gott. Im Gebet bitten die Menschen Gott um Verzeihung, tragen ihre Bitten zu ihm. Gebet ist Beziehung zu Gott. Dietrich Bonnhoeffer bezeichnet das Gebet als 'Atemholen aus Gott'. Model: Matthias Ruzicka, Priesterse
© Erzdiözese Wien/ Stephan Schönlaub, Erzdiözese Wien/ Stephan Schön
Das Gebet ist eine Konversation mit Gott. Im Gebet bitten die Menschen Gott um Verzeihung, tragen ihre Bitten zu ihm. Gebet ist Beziehung zu Gott. Dietrich Bonnhoeffer bezeichnet das Gebet als "Atemholen aus Gott". Model: Matthias Ruzicka, Priesterse
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Mir ist die Bitte der Apostel sehr vertraut: „Stärke unseren Glauben!“ Ich bin sozusagen ein von Beruf her Glaubender. Ich spreche viel vom Glauben, ermutige andere, zu glauben, schreibe jeden Sonntag über den Glauben. Wenn ich aber ehrlich bin, dann kommt mir mein eigener Glaube oft recht schwach und zaghaft vor. Da kann ich selber nur bitten: Herr, stärke meinen Glauben! Beim Nachdenken über diese Bitte kommen mir freilich einige selbstkritische Fragen. Was erwarte ich mir vom Glauben? Wie stelle ich mir einen starken Glauben vor? Wer ist für mich ein Vorbild des Glaubens? Ja, was heißt das eigentlich: Glauben?

 

Wie so oft gibt Jesus keine direkte Antwort. Er lässt uns nachdenken, indem er in rätselhaften Worten und Gleichnissen spricht. In dieser „Methode“ Jesu liegt auch schon ein Stück Antwort. Vielleicht will Jesus damals und heute deutlich machen, dass es auf die großen Fragen des Lebens keine glatten und einfachen Antworten gibt. Unsere Zeit erwartet auf alles schnelle und eindeutige Antworten. Wir tun uns schwer damit, es auszuhalten, dass nicht sofort auf alle Probleme eine klare Lösung bereitliegt. Die Dinge sind eben kompliziert, wie ein österreichischer Bundeskanzler vor Jahren gesagt hat. Er wurde dafür zu Unrecht verspottet, denn meistens ist es wirklich kompliziert und komplex. Die Welt, das Leben, wir selber sind eben nicht einfach.

 

Und doch scheint es, dass Jesus sagen will: Glauben ist ganz einfach. „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn…“ Das Senfkorn ist winzig klein. Sagt Jesus damit, dass auch schon ein kleiner, unscheinbarer Glaube Großes bewirken kann? Ich deute das für mich persönlich: Glaube heißt Vertrauen. „Ich glaube dir“, sagen wir zu jemandem, dem wir Vertrauen schenken. Wenn ich an Gott glaube, kommt es also nicht darauf an, dass ich mir stolz sagen kann: Dein Glaube ist stark! Es geht vielmehr darum, dass ich Gott zutraue: Du bist meine Hilfe! Du kannst, was über meine eigenen Kräfte geht! Heißt also Glauben schlicht Gottvertrauen? Ist das jener Glaube, von dem Jesus gesagt hat, dass er Berge versetzen oder Bäume ins Meer verpflanzen kann?

 

Rätselhafter wird das Thema durch das Gleichnis, das Jesus als Antwort auf die Frage nach dem Glauben erzählt. Es stammt aus einer Welt, die bei uns lange allen vertraut war: aus der Zeit, in der Bauern Knechte und Mägde hatten. Der Knecht hat den ganzen Tag am Feld gearbeitet. Sein Chef, der Bauer, findet es selbstverständlich, dass der Knecht ihm auch noch das Abendessen bereitet und ihn bedient. Dann erst darf er sich selber versorgen. Es klingt hart, ist aber die nüchterne Wirklichkeit: „Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?“

 

Was hat das mit dem Glauben zu tun? Jesus schildert einfach die sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Sie sind übrigens heute nicht wesentlich anders. Bedanken wir uns beim Kellner, Straßenkehrer, beim Reinigungspersonal, weil sie tun, wofür sie bezahlt werden? Wie gut wäre es, wenn wir allen diesen Menschen gelegentlich ein Zeichen der Anerkennung geben würden! Es würde uns helfen, anzuerkennen, dass wir alle „nur“ Dienende sind, dass wir, wenn wir unsere Pflicht getan haben, ehrlich sagen können: „Wir sind unnütze Knechte.“ Nochmals: Was hat das alles mit dem Glauben zu tun? Wer glaubt, stellt sich nicht selber in den Mittelpunkt. Ein starker Glaube, das ist ein gesundes Vertrauen in den Nächsten und ein schlichtes Gottvertrauen.

 

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