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Behalten die Pessimisten recht?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag,16.Oktober 2022.

15.10.2022
© kathbild.at/rupprecht
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Diese Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich den letzten Satz des heutigen Evangeliums lese: “Wird der Menschensohn, wenn er kommt, noch Glauben auf Erden finden?“ Jesus stellt diese Frage in den Raum, ohne selber darauf eine Antwort zu geben. Heute sieht es aber so aus, als würden viele auf die Frage Jesu eine pessimistische Antwort geben. Sie sagen etwa: Der Glaube verdunstet! Immer
weniger Menschen glauben an Gott. Die Religio ist ein Auslaufmodell! Eltern klagen, dass ihre Kinder nicht mehr in die Kirche gehen: Der Glaube verschwindet aus dem öffentlichen Leben. Manche sehen darin einen Teil der allgemeinen Entwicklung. Die früheren Zeiten, sagen sie, waren besser. Heute gehe alles bachab. Die Zukunft sieht ja wirklich alles andere als rosig aus.
 
Vieles spricht für die Sicht der Pessimisten. Ein Beispiel: Die Telefonseelsorge (Gratisnummer 142) erlebt wachsenden Zuspruch. Sie ist Tag und Nacht erreichbar. Auffallen, so sagen die die etwa 160 ehrenamtlichen Diensttuenden, ist die hohe Zahl an jüngeren Menschen, die auf dieses Angebot zurückgreifen. Zunehmende seelische und materielle Nöte kommen zur Sprache. Vielen tut es schon gut, dass jemand ihnen einfach zuhört. Auch wenn oft keine Lösung der Probleme in Aussicht ist.
 
Was steht hinter der Frage Jesu? Sah er die Zukunft düster? Nimmt in seiner Sicht das Böse überhand? Schwindet das Gute aus unserer Welt? Jesus gibt, so scheint es, auf seine Frage keine Antwort. Wird er, der Menschensohn, wenn er kommt, eine gottlose, ungläubige Welt vorfinden? Wenn er darauf keine Antwort gibt, dann will Jesus offenbar sagen, dass die Sache nicht entschieden ist. Wie es weitergeht, das liegt, so sieht es aus, in unseren Händen. Doch wie sollen wir den Lauf der Dinge ändern, sodass sich alles zum Guten wendet? Warum sollen die Pessimisten nicht letztlich Recht behalten?
 
Jesu stellt seine Frage im Zusammenhang mit seiner drängenden Aufforderung zum Gebet. Wir sollen „allezeit beten und darin nicht nachlassen“. Offensichtlich spricht Jesus dem Gebet eine große Macht zu. Und wie so oft macht er das durch ein Gleichnis deutlich. Es ist eine ernste und zugleich humorvolle Geschichte, die Jesus da erzählt. Ein korrupter, bestechlicher Richter ist die eine Hauptperson. Er fürchtet Gott nicht und nimmt auf niemanden Rücksicht, nur auf seinen Geldbeutel. Die Gegenspielerin ist die arme Witwe, die kein Geld hat, um den Richter zu bestechen, um so zu ihrem Recht zu kommen. Nur eines kann sie, und das tut sie ausgiebig: dem Richter auf die Nerven gehen. Sie tut es mit solcher Zähigkeit, dass der Richter schließlich fürchtet, sie könnte handgreiflich werden und ihm ins Gesicht schlagen.
Wenn schon der ungerechte Richter die Bitte der lästigen Witwe erfüllt, soll da Gott die Hilferufe seiner Gläubigen nicht erfüllen? Er werde, anders als der böse Richter, der lange zögert, „unverzüglich“ die Bitten erfüllen.
 
Tut er das wirklich? Hilft inständiges Beten, den Krieg in der Ukraine zu beenden, die Teuerung aufzuhalten, die seelischen und materiellen Sorgen zu besiegen? Hat das Gebet eine solche Macht? Ja, sagt Jesus, wenn wir glauben. Denn wer betet, der glaubt, der vertraut, dass alles in Gottes guter Hand liegt. Mir kommt da immer das bekannte Gedicht von Reinhold Schneider aus der Nazizeit (1936) in den Sinn: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten“. Denn Beten macht Mut und schenkt Kraft. Beide braucht es, um schwierige Zeiten sozu bestehen, dass die Pessimisten nicht Recht behalten.
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