Danke, Lukas, dass du in deinem Evangelium die Geschichte des Zachäus berichtet hast, als einziger der vier Evangelisten. Selten deutlich zeigt sie, worin die Revolution Jesu bestand und immer noch besteht. Sie geschieht nicht durch große politische Aktionen, auch nicht dank militärischer Eroberungen. Sie ereignet sich im Herzen einzelner Menschen und verändert so die Welt. Zachäus ist dafür ein Beispiel. „Er war der oberste Zollpächter und war reich.“ So stellt Lukas ihn vor. Zachäus war der Chef der Steuereintreiber der Region um Jericho. Das System der Steuereinhebung war damals „privatisiert“. Man konnte um teures Geld eine Steuerregion pachten und musste in ihr die Steuern eintreiben. Dabei achteten die Steuerpächter auf eine möglichst große persönliche Gewinnspanne. Zachäus als oberster Zollpächter hatte alle Steuern der kaiserlichen Staatskasse abzuliefern und versuchte dabei, selber gut abzuschneiden. Kein Wunder, dass die „Zöllner“ beim Volk besonders verhasst waren. Umso mehr nahmen die Leute daran Anstoß, dass Jesus ausgerechnet mit diesen als Sünder verschrienen Menschen freundschaftlichen Umgang pflegte, sich von ihnen einladen ließ und sogar einige von ihnen unter seine Jünger aufnahm.
Zachäus hatte von Jesus gehört und wollte ihn unbedingt sehen, als es hieß, Jesus werde bald nach Jericho kommen. Da er klein von Gestalt war und die wartende Menschenmenge ihn nicht vorließ, stieg er auf einen Baum, um Jesus sehen zu können. Man stelle sich vor: Der reiche Oberzöllner klettert wie ein Bub auf einen Baum. Der Wunsch, Jesus zu sehen, war stärker als die Peinlichkeit, zum Baumkraxler zu werden.
Da sitzt er nun und wartet neugierig. „Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf.“ Dieser Moment hat das Leben des Zachäus für immer verändert. Er begegnete einem Blick, den er nie mehr vergessen konnte. In diesem Blick war keine Spur von Verachtung. Und dann das für Zachäus Unfassbare. Jesus spricht ihn mit Namen an und sagt das entschiedene Wort: „Komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ Vor der ganzen Menschenmenge kehrt Jesus in das Haus des verhassten Oberzöllners ein und ist sein Gast.
So „funktioniert“ die Revolution Jesu, bis heute. Jesus verlangt nicht zuerst, dass Zachäus sich bekehrt, um dann als Belohnung zu ihm zu kommen. Ohne Vorleistung wendet sich Jesus ihm zu, er kommt in sein Haus, ohne ihm eine Moralpredigt zu halten. Nur eines hat Jesus gespürt: In diesem Mann lebt eine Sehnsucht nach etwas Reinerem als sein oft brutales und menschenverachtendes Geldeintreiben. Die Art, wie Jesus dem Zachäus begegnet, hat diesen zutiefst berührt. Sie hat sein Herz geöffnet, sein Leben verändert. Ohne dass Jesus ihm seine Fehler vorgehalten hätte, nennt Zachäus sie selber ganz offen und ehrlich und ist bereit, sie wiedergutzumachen: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“
Wir erfahren nicht, wie die Geschichte des Zachäus weiterging. Jesus verließ Jericho und zog nach Jerusalem hinauf. Zachäus blieb wohl in seinem Beruf. Dürfen wir annehmen, dass er sein großherziges Versprechen wirklich in die Tat umgesetzt hat? Warum sollte es nicht so gewesen sein? Die Begegnung mit Jesus hat nicht nur sein Herz verändert, sondern auch sein Handeln. Von jetzt an wird er wohl nicht mehr ungerechte Steuerforderungen gestellt haben. Seine Bekehrung dürfte sich aber auch auf das ganze „System“ ausgewirkt haben, in dem er von jetzt an von seinen Untergebenen ein gerechtes Verhalten einfordern konnte. Bekehrung ist nie nur ein persönlicher Schritt. Sie hat immer auch positive soziale Folgen, bis heute. Nur sie verändert die Gesellschaft zum Guten.