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Ein Fest gegen die Schwerkraft

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 1. November 2022.

01.11.2022
© vaticannews
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Die Schwerkraft hält uns am Boden fest. Die Erde und Planeten hält sie in ihren Umlaufbahnen. Sie folgt den physikalischen Gesetzen der Natur und ist doch auch geheimnisvoll. Wir denken im Alltag selten an sie, es sei denn, wir stürzen zu Boden. Wenn man älter ist, spürt man die Anstrengung, wieder aufzustehen. Die Schwerkraft drückt uns nieder. Unser Leben ist immer auch ein Ankämpfen gegen die Schwerkraft, vom Aufstehen aus dem Bett über das Stiegensteigen bis hin zu einer Bergwanderung. Daher wird das persönliche Leben auch mit einer Überwindung der Schwerkraft verglichen. Das Lernen in der Schule, das Berufsleben, die Gestaltung einer Beziehung, alles erfordert, sich nicht gehen zu lassen, der Bequemlichkeit nicht nachzugeben, den Emotionen nicht einfach freien Lauf zu lassen.


Menschen, die das schaffen, bewundern wir zu Recht. Wenn sie darin große Vorbilder geworden sind, können sie sogar einen Platz im Heiligenkalender bekommen. Heute werden sie alle geehrt, die vielen Heiligen, die bekannt geworden sind, und die noch viel zahlreicheren, deren Namen vergessen sind, die aber im Himmel einen Platz unter den Heiligen haben.
Wie wird man ein Heiliger? Was braucht es dazu? Die Kirche vertritt die gewagte Ansicht, dass alle Menschen das Zeug haben, Heilige zu werden. Sie sagt aber gleich dazu: Alleine und aus eigener Kraft ist das nicht zu schaffen. Dazu ist die Schwerkraft zu stark. Ohne die Hilfe von oben ist der Zug nach unten nicht zu überwinden.


Heute, am Fest Allerheiligen, wird das Evangelium von den „Seligpreisungen“ gelesen. Diese acht Worte Jesu sind so etwas wie die Charta für den Sieg über die Schwerkraft. Jedes dieser Worte beginnt mit „Selig“. In allen geht es um die Wege zu einem gelungenen Leben. Heilig werden hat mit Freude zu tun. Kann man sich Heilige vorstellen, die freudlos und ohne Humor sind? Doch ebenso wenig gibt es Heilige, die ohne Prüfungen und Leid durchs Leben gegangen sind. Heilige, das sind Menschen wie wir alle. Nur haben sie gewusst und erlebt, dass wir vor Gott und voreinander arm sind. Sie haben wie wir alle Kummer und Sorgen gekannt, darüber aber nicht die Not der anderen vergessen. Sie haben in sich den Hang zur Gewalt überwunden, der Hartherzigkeit nicht nachgegeben; wo Streit war, haben sie Frieden und Gerechtigkeit gestiftet und dafür lieber selber Unecht erlitten, als es anderen zuzufügen. Und sie haben dabei gewusst, dass sie das alles nicht nur aus ihrer eigenen Kraft schaffen. Sie haben der Schwerkraft nicht nachgegeben, die uns alle immer wieder nach unten zieht. Sie sind ermutigende Vorbilder, dass dieser Sieg möglich ist. Grund genug, ihn zu feiern!

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