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Diese und die kommende Welt

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom  6. November 2022.

06.11.2022
© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rom,_Vatikan,_Sixtinische_Kapelle,_Detail_aus_dem_J%C3%BCngsten_Gericht.jpg
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Wie wird das sein in der kommenden Welt, im Jenseits, im ewigen Leben? Diese Frage bewegt die Menschheit seit eh und je. In dieser Welt leben wir. Sie ist uns vertraut, auch wenn sie voller Rätsel und Geheimnisse ist. Doch wie sieht es „drüben“ aus? Dort befinden sich die Unzähligen, die vor uns auf dieser Erde gelebt haben und die durch das Tor des Todes hinübergegangen sind in die noch viel geheimnisvollere Welt der Verstorbenen. Wir entkommen nicht dem Versuch, uns das Jenseits vorzustellen. Doch sobald wir kritisch darüber nachdenken, müssen wir uns eingestehen, dass alle unsere Bilder vom ewigen Leben so nicht stimmen können.


Genau das war das Problem der Sadduzäer. Sie gehörten zur gehobenen Schicht des jüdischen Volkes. Sie sahen die volkstümlichen Vorstellungen vom Jenseits sehr kritisch. Deshalb lehnten sie auch den Glauben an die leibliche Auferstehung ab. Darin sind sie vielen unserer Zeitgenossen ähnlich. Was soll ein leibliches Leben in der Ewigkeit? Wie werden die Toten auferstehen? Mit Fleisch und Knochen? Wie soll der menschliche Körper ewig bestehen? Der fünfjährige Sohn eines Bekannten hat seinem Vater, der Theologieprofessor war, die Frage gestellt: „Wird mein Freund (der eben gestorben war) im Himmel noch wachsen oder bleibt er immer ein Kind?“ Der Vater gestand, dass er darauf keine befriedigende Antwort fand.


Die Sadduzäer stellen Jesus eine vergleichbare Frage, mit der sie zeigen wollen, dass der Glaube an die leibliche Auferstehung in eine Sackgasse führt. Nach alttestamentlichem Gesetz muss eine kinderlos gebliebene Witwe vom Bruder ihres Mannes geehelicht werden, um dem Verstorbenen einen Nachwuchs zu ermöglichen. Sie konstruieren den Fall, dass diese Frau gleich nach dem Tod ihres Mannes hintereinander seine sechs Brüder heiratet und alle schließlich kinderlos sterben. Was für ein Durcheinander wäre das im ewigen Leben, wenn alle sieben sie zur Frau hätten! Wie wird Jesus darauf antworten?


Die wichtigste Lehre, die wir wohl alle beherzigen müssen, wenn wir uns das ewige Leben vorzustellen versuchen, lautet: Wir können es uns schlicht und einfach nicht vorstellen! Geburt und Tod, Jugend und Alter, Heiraten und Kinder bekommen, das alles ist Teil dieses Lebens. Wo es keinen Tod mehr gibt, fällt auch alles Werden weg. Jesus sagt, wir seien dann „den Engeln gleich“. Wie das aber aussieht, wissen wir nicht. Was wir aber wissen können, was wir im Glauben sicher annehmen dürfen, ist das, was Jesus von Gott sagt: „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle.“


Darf ich dennoch versuchen, mir tröstlich vorzustellen, wie es sein wird? Dass ich die Eltern wiedersehen werde? Und die verstorbenen Freunde? Mein Onkel war ein leidenschaftlicher Jäger. Er hat von den „ewigen Jagdgründen“ geträumt. Eines ist sicher: Es wird ganz anders sein als alles, was wir uns jetzt ausmalen können. Viele Menschen haben „Nahtod“-Erfahrungen gemacht. Fast alle sprechen von einem wunderbaren Licht, von Freude und Glück, manche auch von Reue über Versäumnisse. Ganz „drüben“ waren sie alle noch nicht, sonst wären sie nicht zurückgekommen. Wie immer es sein wird, Jesus sagt, wir werden „zu Kindern Gottes geworden sein“. Einüben können wir das jetzt schon: durch ein kindliches Vertrauen, dass alles gut wird.

 

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