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Wenn morgen das Ende der Welt wäre …

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 27. November 2022.

27.11.2022
© Public Domain File:Stefan Lochner - Last Judgement - circa 1435.jpg Created: circa 1435 date QS:P571,+1435-00-00T00:00:00Z/9,P1480,Q5727902
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Unsere Mutter hat oft von der Flucht aus Tschechien im Jahr 1945 erzählt. Mein Bruder war zweieinhalb Jahre alt, ich noch kein Jahr, als die Mutter mit uns Hals über Kopf flüchten musste. Oft hat sie die Frage gestellt, warum so viele Menschen damals nicht mit der Vertreibung der Deutschsprachigen gerechnet haben. Die Wenigsten waren darauf vorbereitet, als die Flut der (meist gewalttätigen) „Aussiedelung“ über uns hereinbrach. Meine Mutter meinte, das liege an einer urmenschlichen Eigenschaft: Man kann sich die Katastrophe nicht vorstellen, ehe sie ausbricht. Die Wirklichkeit des Alltags ist stärker als die Möglichkeit einer vielleicht eintreffenden Katastrophe. Deshalb war es damals 1945 in der alten Heimat so wie Jesus es heute im Evangelium beschreibt: „Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem … die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.“


Haben wir denn eine andere Möglichkeit, mit den großen Bedrohungen zu leben, als dass wir unseren Alltag möglichst normal weiterleben? Ich kann doch nicht tagtäglich mit dem Gedanken an alle Katastrophen leben, die über uns hereinbrechen könnten. Das würde mich vollständig lähmen. Für die Wasserkraftwerke in Vorarlberg und anderswo gibt es riesige Stauseen, die von gewaltigen Staumauern gehalten werden. Es wäre wie eine wahre Sintflut, würde einer dieser Staudämme brechen. Es gäbe kaum Überlebende in der Talsohle. Trotzdem leben wir im Montafon nicht mit dem ständigen Gedanken, der Staudamm des Silvrettasees könnte bersten und uns in den Tod reißen.
Was aber will Jesus mit seinem Wort über die Sintflut sagen? Will er uns Angst machen vor der „Ankunft des Menschensohnes“? Sollen wir in Furcht und Zittern leben? Panikmache ist nicht seine Botschaft. Sie lautet sehr schlicht: „Seid also wachsam!“ und „Haltet euch bereit!“ Es geht um eine Haltung, eine Lebenseinstellung. Papst Franziskus hat am Weltjugendtag in Rio de Janeiro 2013 zwei Millionen Jugendlichen geraten, „non balconear la vida“. Es ist ein sehr sprechender südamerikanischer Ausdruck. „Balconear“ heißt „am Balkon stehen“ und vom Balkon, aus der Distanz, das Leben auf der Straße, am Platz zu beobachten, unbeteiligt und von oben herab. Er hat den jungen Menschen geraten: Mischt euch ein, nehmt am Leben teil, gestaltet es mit, bleibt nicht in neutralem, gelangweiltem Abstand! Nichts gefährdet das Leben mehr als die ständige Ablenkung, der wir alle, besonders die jungen Menschen, ausgesetzt sind. Die digitale Welt hat großartige Möglichkeiten eröffnet. Sie ist aber auch eine riesige Gefahr, nicht mehr in der Wirklichkeit zu leben. Keine virtuelle Begegnung über das Internet kann die echte persönliche Begegnung ersetzen. Nur sie macht uns aufmerksam und wach. Einander zuhören, sich füreinander interessieren, das geht nur, wenn wir gelegentlich das Handy weglegen oder gar ausschalten und den anderen wirklich wahrnehmen. Nur so entstehen echte Beziehungen, wahre Freundschaften.


Doch wie sollen wir mit den ernstzunehmenden Bedrohungen leben? So viel ist von möglichen Katastrophen die Rede, und davon, dass sie jederzeit eintreten können. Die erste und wichtigste Zusage Jesu ist sein eigenes Kommen. Damit ist nicht nur „das Ende der Welt“, die Wiederkunft Christi gemeint. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass durch schwere Schicksalsschläge Gott in ihr Leben gekommen ist, hier und jetzt. Aber dazu braucht es oftmals einen kräftigen „Aufwecker“, der aus dem Alltagstrott herausreißt. Die Begegnung mit Christus kann befreien von der oft lähmenden Zukunftsangst. Sie nimmt letztlich auch die Furcht vor dem Tod, weil sie die Zuversicht schenkt, dass der Tod das Leben nicht raubt, sondern wandelt. „Was würdest du tun, wenn morgen das Ende der Welt wäre?“, soll Martin Luther gefragt worden sein. Seine Antwort, so heißt es, war: „Ich würde heute ein Apfelbäumchen pflanzen!“
 

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