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Wie mit Krisen umgehen?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 11. Dezember 2022.

10.12.2022
© https://de.wikipedia.org/wiki/Salome_(Tochter_der_Herodias)#/media/Datei:CaravaggioSalomeLondon.jpg
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Krisen gehören zum Leben. Sie sind meist große Herausforderungen und können einen an die Grenzen des Erträglichen bringen. Sie sind aber oft auch eine Chance, wie sich im Nachhinein herausstellt. Als Student hatte ich eine für junge Menschen nicht unübliche Krise. Welche Orientierung soll ich in meinem Leben nehmen? Ich begann ein Psychologiestudium in der Hoffnung, hier eine Antwort zu finden. Im Studienjahr 1967/68 besuchte ich die Vorlesungen von Prof. Viktor E. Frankl (1905-1997), dem großen Arzt und Psychiater. Frankl war jüdischer Herkunft. Er hat vier Konzentrationslager überlebt. Sein persönliches Zeugnis bleibt mir unvergessen. Im Kern war seine Botschaft: Krisen im Leben überwinden wir, wenn wir einen Sinn in unserem Leben sehen. Seine Lebenserfahrung hat ihm das gezeigt. Die Psychotherapie, die Viktor Frankl entwickelt hat, besteht vor allem darin, „trotzdem Ja zum Leben zu sagen“. So konnte auch das Leid, das Frankl reichlich erlitten hatte, für ihn einen Sinn bekommen. Ich bin bis heute dankbar, diesen großen Menschen gehört und erlebt zu haben.


Johannes der Täufer ist in eine radikale Lebenskrise geraten. Das ganze Drama, das er durchlebt, wird im heutigen Evangelium greifbar. Johannes ist im Gefängnis. König Herodes hat es nicht ertragen, dass Johannes ihm klar gesagt hat: „Es ist dir nicht erlaubt, die die Frau deines Bruders Philippus zur Frau zu nehmen.“ Im Gefängnis überkommt Johannes ein Zweifel, der an den Grundfesten seines Lebens rüttelt. Er hat den Sinn seines Lebens auf eine einzige Aufgabe gesetzt: dem Messias, dem kommenden Erlöser, den Weg zu bereiten. Das war der Inhalt seiner Predigt, seines Taufens der vielen Menschen, die zu ihm kamen. In Jesus von Nazareth, seinem Verwandten, glaubte er den verheißenen Messias erkannt zu haben. Warum begann Johannes daran zu zweifeln? Wir erfahren nicht, welche Gedanken ihn im Gefängnis geplagt haben. Sie müssen quälend gewesen sein, denn es ging um die radikale Frage: Habe ich mich geirrt? Ist Jesus gar nicht der Messias? Habe ich die Menschen getäuscht? Hat Gott mich in die Irre gehen lassen? Hat mein Leben überhaupt noch einen Sinn?


In seiner tiefe Not schickt er seine Jünger zu Jesus mit der Frage: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Die Antwort Jesu ist für uns alle ein Wegweiser, wie wir Krisen bewältigen können. Jesus gibt keine Ja-Nein-Antwort. Den Boten des Johannes sagt er: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht.“ Jesus rät also, genauer hinzuhören und hinzusehen. Die Antwort auf die Krise finden wir im Leben selber. Gewiss, wir erleben nicht alle die Wunder, die Jesus gewirkt hat: dass Blinde sehend werden, Lahme gehen können, ja dass sogar Tote wieder zum Leben kommen. Doch alle können wir das Wunder des Lebens erkennen, die Schönheit der Natur, das Staunen über ein neugeborenes Kind, die Dankbarkeit über eine Heilung aus schwerer Krankheit. Viktor Frankl sagt: Das Leben stellt uns die Fragen. Wir müssen darauf antworten. Den Sinn seines Lebens sah Frankl darin, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen.


Hat Jesus dem Johannes geholfen, auf seine Frage eine Antwort zu bekommen? Ihm und uns allen sagt Jesus: „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ Wir nehmen daran Anstoß, dass Gott nicht alle Probleme löst, dass Jesus nicht alles Leid der Welt beseitigt hat. Er hat Johannes nicht aus dem Gefängnis befreit, wie dieser vielleicht erhofft hatte. Aber eines dürfen wir annehmen: Johannes hat den Frieden in seinem Herzen gefunden. Sein Leben hat einen Sinn gehabt.

 

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