Mit Kaiser Augustus beginnt der Bericht von der Geburt Jesu. Der mächtigste Mann der damaligen Zeit erließ den Befehl, „den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“, und alle hatten ihm zu gehorchen. Augustus herrschte über ein gewaltiges Reich, das sich stolz als die ganze (zivilisierte) Welt betrachtete. Die Völker, die (noch) nicht zum römischen Reich gehörten, galten als die Barbaren, von denen man erhoffte, auch sie bald ins Reich einzugliedern. Rom war überzeugt, dass es ein Glück für die eroberten Völker bedeutete, zum Reich Roms zu gehören.
Kaiser Augustus hatte in einem dramatischen Bürgerkrieg mit beispielloser Grausamkeit gesiegt, dann aber dem ganzen Römerreich eine ebenso beispiellose Zeit des Friedens gebracht, die „Pax Romana“, das goldene Zeitalter Roms. Das Reich erfreute sich allgemeinen Wohlstands und geordneter Verhältnisse. Überall galt das vorbildliche römische Recht, das bis heute zu den Grundlagen eines Rechtsstaates gehört. Wie alle menschlichen Dinge hatte das römische Reich Licht und Schatten, doch blieb es, wie Reinhard Raffalt, ein großer Kenner Roms sagt, „bis heute in der Welt ohne Beispiel“.
Warum halte ich mich am Heiligen Abend so ausführlich beim großen Kaiser Augustus auf, wo es doch heute um das kleine Kind im Stall von Bethlehem geht, um die Geburt Jesu? Mich bewegt eine überraschende Ähnlichkeit. Die Dichter Roms haben den Kaiser gepriesen, er habe den Menschen auf Erden Frieden gebracht und den Göttern Roms Ehre erwiesen. Nicht vom Kaiser singen die Engel über dem Hirtenfeld bei Bethlehem. Ihr Gesang gilt dem Kind, das in dieser Nacht geboren wurde: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“
Wie soll dieses Kind armer Eltern der Welt Frieden bringen? Und welcher Friede soll das sein? Zwar gehörte Jesus durch seinen Ziehvater Josef zur Nachkommenschaft des großen Königs David, doch von dessen einstigem Reich war nur ein machtloses, von den Römern besetztes Land übriggeblieben. Aber auch das römische Reich, so groß es war, ist längst untergegangen, wie alle die Großreiche vor ihm. Und ebenso erging es allen Reichen, die nach ihm kamen. Großmächte kommen und gehen. Das Kind von Bethlehem hat kein Weltreich gegründet. Vor dem Statthalter des Kaisers wird Jesus einmal sagen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Und seinen Jüngern verspricht er: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Wir feiern heuer Weihnachten, die Geburt Jesu, mit der großen Sorge um den Frieden in der Welt, besonders in der Ukraine. Hoffen und beten wir, dass die Mächtigen dieser Welt dem Krieg ein Ende bereiten. Dauerhaft wird das nur sein, wenn es der Frieden des Kindes von Bethlehem ist.