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Mozart und das Agnus Dei

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 15. Jänner 2023.

15.01.2023
© kathbild.at/Rupprecht
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In Mozarts Musik gibt es viele ergreifende, wunderbare Melodien. Für mich zählt eine zu den allerschönsten: Das „Agnus Dei“ aus der Krönungsmesse! Mozart muss eine besondere Beziehung zu diesen Worten gehabt haben. Er hat sie oft vertont, in allen seinen Messen. Nie aber waren sie inniger als in der Krönungsmesse. Was bedeutete für ihn dieses Gebet, das in der Messe immer vor der Kommunion gebetet oder gesungen wird? „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser! Gib uns deinen Frieden!“

 

Was bedeutet überhaupt das Wort vom Lamm Gottes? Den Messbesuchern ist es vertraut. Wenn die Hostie erhoben wird, spricht der Priester die Worte, die im heutigen Evangelium Johannes der Täufer im Blick auf Jesus sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Wie kommt Johannes der Täufer auf die Idee, Jesus als Lamm Gottes zu bezeichnen? Es ist offensichtlich schon bei ihm ein Wort, das starke Gefühle auslöst. Mozart seinerseits sprach vom „rührenden Agnus Dei“, und so hat er es auch vertont. Schon als Kind habe ihn das Agnus Dei ergriffen, noch ohne es eigentlich zu verstehen, aber „in voller Inbrunst des Herzens“ habe er es im Gottesdienst erlebt.

 

Kein Zweifel: Die Bezeichnung Jesu als Lamm Gottes hat für den christlichen Glauben einen eigenen Klang, eine Gefühlstiefe, die über die bloße Vernunft hinausgeht. Das hat wohl damit zu tun, dass das Lamm unter allen Tieren das Herz besonders anspricht. Es wirkt wehrlos und sanft, lauter und rein. Daher ist es in vielen Kulturen und Religionen ein Symbol der Unschuld und Demut. Und in vielen der alten religiösen Traditionen ist es das häufigste Opfertier. Zum jüdischen Pessachfest wurden in Jerusalem im Tempel die Lämmer geschlachtet, als Opfer und als Speise. In dieser Tradition kann der Prophet Jeremia sein eigenes Schicksal mit dem eines „zutraulichen Lammes“ vergleichen, „das zum Schlachten geführt wird“.

 

Hat Johannes der Täufer das alles in Jesus gesehen? Wird es Jesu Schicksal sein, wie ein unschuldiges Lamm zur Schlachtbank geführt zu werden? Und was meinte Johannes, wenn er von Jesus sagt, er werde „die Sünde der Welt“ hinwegnehmen? Manchmal sagen wir Worte, die mehr Ahnungen ausdrücken, als das, was wir bereits verstehen. Ich versuche, es in Worte zu fassen. Täglich lesen wir von schrecklichen Verbrechen, Bluttaten, Betrügereien, Bosheiten. Meist ist meine erste Reaktion: Wie kann jemand solches tun? Und innerlich schwingt der Gedanken mit: Gott sei Dank bin ich nicht so! Immer wieder beschleicht mich dann der Gedanken: Ein Unschuldslamm bist du deswegen noch nicht! Ja, auch in mir ist mancher Unrat. Ich habe zwar niemanden umgebracht. Aber ein reines Herz, eine lautere Gesinnung habe ich nicht immer.

 

Gibt es überhaupt einen Menschen, in dem das Böse keinen Platz hat? Schmerzlich müssen wir zugeben, dass es rundherum „menschelt“, manchmal allzusehr! Da klingt das rätselhafte Wort vom Lamm Gottes, das Johannes ausspricht, wie eine große Verheißung. Einer ist gekommen, der diese Riesenlast, die ganze „Sünde der Welt“ auf sich genommen hat, unschuldig wie ein Lamm. Und so hat er sie „hinweggenommen“. Mozart muss das tief gespürt haben. Darum endet sein „Agnus Dei“ mit einem so siegesgewissen „dona nobis pacem“ – gib uns deinen Frieden!

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