Es muss eine ganz einsame Entscheidung gewesen sein. Sie überraschte alle anderen. Sie löste zum Teil heftigen Widerspruch aus. Im Alter von etwa dreißig Jahren verlässt ein Mann seine Heimat Nazareth, gibt seinen Beruf auf, lässt seine Verwandtschaft zurück und fängt ein völlig neues Leben an. Diese einsame Entscheidung hatte weltgeschichtliche Folgen. Aus ihr entstand eine Bewegung, die heute in allen Ländern der Erde verbreitet ist: das Christentum.
Was bewog Jesus zu diesem Schritt? Bisher hatte er ein unscheinbares Leben geführt. Seinen Landsleuten war er nicht aufgefallen. Aus seinem bisherigen Leben gab es nichts Besonderes zu berichten. Nur über die Umstände seiner Geburt erhielten sich gewisse erstaunliche Erinnerungen, doch das lag nun schon drei Jahrzehnte zurück. Seither hat sich nichts mehr ereignet, was die nun von ihm getroffene Entscheidung vorausahnen ließ.
„Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See (Genesareth) liegt.“ Große Entscheidungen haben ihre Vorgeschichte, auch wenn sie dann überraschend getroffen werden. Die Bußpredigt des Johannes hatte bereits eine starke Bewegung im jüdischen Volk ausgelöst. Jesus selber war von Nazareth zum Täufer an den Jordan gegangen, um sich von ihm taufen zu lassen. Aber der eigentliche Auslöser für seine Entscheidung dürfte die Nachricht gewesen sein, dass Herodes Johannes einsperren ließ.
Was bewog Jesus, an den See Genesareth, nach Kafarnaum zu übersiedeln? Viel wird er nicht aus Nazareth mitgenommen haben. Wozu auch? Nicht als Zimmermann wollte er weiterarbeiten. Ähnlich wie schon Johannes beginnt er zu predigen: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!“ Anders als Johannes zieht Jesus von Dorf zu Dorf in Galiläa und spricht die Menschen in den Synagogen an.
Und nun das Entscheidende: Seinen Entschluss hat er einsam getroffen, aber er will damit nicht alleine bleiben. Er beginnt, Menschen um sich zu sammeln, aktiv, direkt. Er spricht sie einfach an: „Kommt her, folgt mir nach!“ Zuerst waren es zwei, die beiden Brüder Simon und Andreas. Bald kamen zwei weitere dazu, ebenfalls Brüder, Jakobus und Johannes. Aus der kleinen Schar wurden bald viele, Männer und Frauen. Sie alle einte das Wort und die Person Jesu. Und so begann die lange Geschichte der „Jesus-Bewegung“, des Christentums. Sie hat viele Höhen und Tiefen erlebt, aber sie lebt und hört nicht auf, durch alle Krisen ihres Weges sich immer wieder zu erneuern.
Ich bin selber ein winziger Teil dieser Bewegung, heute genau seit 78 Jahren. Für mich ist es ein Anlass zu tiefer Dankbarkeit. Die einsame Entscheidung des Jesus von Nazareth, Menschen um sich zu sammeln, hat auch mein Leben für immer geprägt. Ich bin leider nicht in allem ein vorbildlicher Jünger Jesu. Aber es tröstet mich, dass er von Anfang an nicht „Musterschüler“ um sich gesammelt hat, sondern Menschen „wie du und ich“. Aufrecht bleibt freilich durch alle Jahrhunderte sein Ruf: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Diese stete Einladung gibt seiner „Bewegung“ eine Lebendigkeit, die sie trotz der Jahre nie alt werden lässt. Das Evangelium, das Jesus in die Welt gebracht hat, bleibt eine unerschöpfliche Quelle der Erneuerung. Und immer noch schließen sich viele, viele Menschen Jesus an.