Wie du mir, so ich dir! Das ist der übliche Weg unserer Konflikte. Vergeltung nennen wir das. Ich bin gekränkt worden. Man rät mir: Lass dir das nicht gefallen! Du musst dich wehren! Das darfst du nicht auf dir sitzen lassen! Und tatsächlich stehen wir oft vor der Frage: Soll ich, ja muss ich mich verteidigen? Wo kommen wir da hin, wen wir die Weisung Jesu eins zu eins übernehmen? „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Würde diese Regel von uns allen wörtlich genommen werden, dann hätten die Gerichte keine Arbeit, dann gäbe es keine Strafen, dann wäre aber auch der Gewalt und dem Unrecht Tür und Tor geöffnet. Kann ein Staat, eine Gemeinschaft, ein Zusammenleben so funktionieren? Ist Jesus ein Romantiker? Oder zeigt er einen echten, gangbaren Weg heraus uns unseren vielen Konflikten?
Um Konfliktlösung geht es schon im Gesetz des Mose, im Alten Testament. Darauf bezieht sich Jesus: „Ihr habt gehört, dass (von Mose) gesagt worden ist: Auge für Auge, und Zahn für Zahn.“ Dieser Satz aus der Bibel wird meist missverstanden. Es geht gar nicht um die Erlaubnis, sich rächen zu dürfen. Im Gegenteil soll die Rachgier gezügelt werden. Denn sehr oft ist genau sie es, die die Konflikte eskalieren lässt. Die Vergeltung darf nicht größer sein als der Schaden, den du erlitten hast. Aber das Böse soll auch nicht einfach geduldet werden. Es darf nicht ungestraft bleiben, es muss freilich angemessen bestraft werden. Dafür muss der Richter sorgen, damit die Gerechtigkeit gewahrt wird.
Jesus hat das nicht in Frage gestellt. Für ihn gelten die Gebote und damit auch die gerechten Strafen, wenn die Gebote übertreten werden. Doch bleibt er bei der äußeren Gerechtigkeit nicht stehen. Ihm geht es um die innere Einstellung, die Haltung des Herzens. Sie spricht er an, wenn er zum Hinhalten der anderen Wange rät. Du darfst ein Unrecht ertragen, ohne Vergeltung zu suchen. Jemand hat dir weh getan. Du musst darauf nicht mit Wehtun reagieren. Das Übliche ist: Gut sein zu denen, die mir Gutes tun, die lieben, die mich lieben. Wie anders sieht die Welt aus, wenn ich jemandem, der mir unfreundlich kommt, mit Freundlichkeit begegne.
Die größte Herausforderung Jesu ist zweifellos sein Wort über die Feindesliebe. „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ Wie soll ich das schaffen? Sieht diese Forderung nicht wie ein Widerspruch zur menschlichen Natur aus? Ist es nicht ein Urbedürfnis des Menschen, sich vor dem Feind zu schützen, sich und die Seinen gegen Angriffe zu verteidigen?
Ein Missverständnis gilt es auszuräumen. Jesus verlangt nicht, dass ich meinen Feind gefühlsmäßig mögen muss. Lieben heißt zuerst: dem anderen Gutes wünschen. Um Wohlwollen, nicht um Sympathie geht es. Denn auch dein Feind ist ein Mensch. Mich berührt eine Weisung im Alten Testament: „Wenn du siehst, wie der Esel deines Feindes unter seiner Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe“ (Exodus 23,5). Jesu Lehre von der Feindesliebe ist alles eher als romantisch. Sie ist nüchtern und realistisch. „Wir haben selbst das größte Interesse daran, dass wir durch den Hass der anderen nicht auch ins Hassen fallen“, sagt der große Bibliker Adolf Schlatter. Wie anders soll es gelingen, zwischen uns Frieden zu stiften als auf dem Weg, den uns Jesus selber vorgelebt hat?