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Manchmal tut sich der Himmel auf

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 5. März 2023

05.03.2023
Christus steigt mit Petrus, Johannes und Jakobus auf den Berg Tabor. Dort erscheint er den Aposteln in gleißendem Licht und neben ihm Mose und Elija, welche mit ihm sprechen. Hier wird Jesu Göttlichkeit auch auf der Erde deutlich sichtbar. Wie bei de
© Erzdiözese Wien/ Stephan Schönlaub, Stephan Schönlaub
Christus steigt mit Petrus, Johannes und Jakobus auf den Berg Tabor. Dort erscheint er den Aposteln in gleißendem Licht und neben ihm Mose und Elija, welche mit ihm sprechen. Hier wird Jesu Göttlichkeit auch auf der Erde deutlich sichtbar. Wie bei de
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Unvergesslich ist mir ein Gespräch mit einer älteren Frau in Graz. Es ist lange her. Ich war junger Priester, Kaplan in der Grazer Hochschulgemeinde. Die Frau erzählte mir aus ihrem Leben. Es war eine lange Kette von Leiden. Ich war erschüttert von so viel Not und fragte sie: Woher haben Sie die Kraft genommen, das alles zu ertragen? Sie hatte ein Erlebnis, das ihr dauerhaft geholfen habe. Sie sei eines Nachts, sehr verzweifelt, am Jakominiplatz gestanden und habe zum Himmel aufgeschaut. Es war Vollmond. Plötzlich habe der Mond sich geteilt und zwischen beiden Hälften habe sie ein Kreuz gesehen. Dieser Moment hat ihr so viel Kraft und Trost gegeben, dass sie ihr Leid ertragen konnte. Egal, wie es zu dieser Erfahrung kam, für sie war es eine Wirklichkeit, die ihr Leben positiv verändert hat. Für sie hat sich der Himmel aufgetan und ihr geholfen, ihr schweres Los auf Erden zu ertragen, ohne daran zu zerbrechen.

 

Warum wird am heutigen Zweiten Fastensonntag ein Evangelium gelesen, das scheinbar gar nichts mit der Fastenzeit zu tun hat? Es berichtet von einem einmaligen Ereignis im Leben Jesu, das fast wie isoliert dasteht: seine „Verklärung auf einem hohen Berg“. Nur drei Zeugen haben es erlebt. Sie haben erst viel später den anderen Aposteln davon erzählt, nach der Auferstehung Jesu. Was haben sie auf dem Berg gesehen?

 

Wenige Tage zuvor hatte Jesus seinen Jüngern gesagt, dass ihm schweres Leid bevorsteht, dass man ihn töten werde, dass er aber von den Toten auferweckt werde. Seine Jünger waren darüber entsetzt, aber Jesus sagt ihnen deutlich, dass Leid und Kreuz auch ihnen nicht erspart bleiben wird. Vielleicht hilft diese Vorgeschichte besser zu verstehen, was die drei Apostel dann auf dem Berg erleben durften. Dort oben in der Bergeinsamkeit wurde Jesus „vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“. Sie dürfen einen Blick in die andere Welt des Himmels tun. Mose und Elija, die beiden großen Gestalten des Alten Bundes, reden mit ihm, und eine Stimme bezeugt, dass Jesus Gottes geliebter Sohn ist, auf den sie hören sollen.

Von all dem sind sie überwältigt. Es ist eine Mischung von großem Glücksgefühl und heiligem Schrecken. Als sie wieder zu sich kommen, sehen sie nur mehr Jesus, und alles ist wie zuvor. Sie steigen den Berg hinab, im Herzen die mit Worten nicht zu beschreibende Erfahrung.

 

Für sie hat der Himmel sich einige Augenblicke geöffnet. Wollte Jesus, dass sie für die kommende schwere Zeit Kraft und Trost erhalten? Dieselben drei, Petrus, Jakobus und Johannes, werden Jesus ganz anders erleben, als er mit der Todesangst ringt in der Nacht vor seiner Kreuzigung. Sie werden ihn wiedersehen als den Auferstandenen. Aber so strahlend werden sie ihn erst sehen können, wenn sie selber „drüben“ sein dürfen, im Himmel, in den sie einen Moment lang einen Blick werfen durften. Manchmal tut sich der Himmel auf. Solche Momente sind selten, aber sie geben ein Leben lang Kraft und Trost.

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