Ich habe meine beiden Großväter nicht gekannt. Der eine starb, als meine Mutter noch ein Kind war. Der andere starb, als ich noch ein Kind war. Von ihm wird erzählt, er habe gesagt: „Weint nicht, wenn ich sterbe, denn ich gehe ja ins ewige Leben.“ Nun glauben die meisten Menschen an ein Leben nach dem Tod. Trotzdem weinen wir, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Mich bewegt am heutigen Evangelium von der Auferweckung des Lazarus, dass Jesus am Grab dieses ihm so nahen Freundes geweint hat. Jesus hat wie kein anderer Mensch aus ganzem Herzen an die Auferstehung geglaubt. Mehr noch, er hat von sich selber gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Was bedeuten dann seine Tränen über den Tod des Lazarus?
Für viele ist der Glaube an ein Wiedersehen im ewigen Leben ein großer Trost. Marta, die Schwester des Lazarus, spricht das in ihrer Trauer aus: „Ich weiß, dass mein Bruder auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.“ Der jüdische Glaube gibt ihr diese Gewissheit. Trotzdem ist sie in tiefer Trauer, und das ist ganz menschlich. Sie hatte so gehofft, Jesus werde rechtzeitig kommen und ihren Bruder heilen. Es klingt wie ein leiser Vorwurf, dass Jesus nicht früher gekommen ist: „Dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“
Die Tränen Jesu berühren die Leute, die ihn vor dem Grab stehen sehen: „Seht, wie lieb er ihn hatte!“ Der Tod dieses guten Freundes erschüttert Jesus. Seine Tränen zeigen, dass er voll und ganz Mensch ist. Freundschaft war ihm wichtig. Bei den drei Geschwistern in Bethanien bei Jerusalem fühlte er sich zu Hause. Ihre Liebe und Aufmerksamkeit haben ihm menschlich gut getan. Der Tod des Lazarus war ein schmerzlicher Verlust, nicht nur für seine beiden Schwestern, sondern ganz persönlich auch für Jesus.
Die Tränen Jesu sagen mir, dass ich trauern darf, wenn ein lieber Mensch stirbt. Der Tod tut weh, auch wenn ich an das ewige Leben glaube. Es wäre unmenschlich, sich über den Tod eines geliebten Menschen zu freuen, nur weil ich glaube, dass ihm der Himmel geschenkt wird. Trauer und Trost gehören zusammen. Der Glaube an die Auferstehung tröstet, nimmt aber nicht den Schmerz über die Trennung des Todes.
„Lazarus, komm heraus!“ Der laute Ruf Jesu vor der geöffneten Grabkammer muss einen gewaltigen Eindruck gemacht haben. „Da kam der Verstorbene heraus“, Hände, Füße und Gesicht verhüllt, lebend, auferstanden, dem Tod entrissen. Das Wunder ließ sich nicht leugnen. Es war ein überdeutliches Zeichen der göttlichen Kraft Jesu. Die Auferweckung des Lazarus wurde für die Gegner Jesu zum Signal, ihn zu töten. Sie sahen in ihm nur mehr die Gefahr, die unbedingt beseitigt werden musste. In einer Woche wird mit dem Palmsonntag das Drama auf seinen Höhepunkt zusteuern: Jesus wird verurteilt, stirbt am Kreuz und wird begraben. Jesus ist tot. Am Ende aber steht das leere Grab: die Auferstehung hat gesiegt!