Wie das Amen im Gebet kommt regelmäßig der Streit um das Kreuz im öffentlichen Raum. Es störe die Menschen, die nicht den christlichen Glauben teilen. Es gehöre nicht in Schulklassen und Spitalszimmer, auf Berggipfel und in Gerichtsäle. Meine Antwort ist nach wie vor eine einfache Einladung, über den Sinn dieses Zeichens nachzudenken. Es ist ja nicht allein den Christen vorbehalten. Es gehört zu den Ursymbolen der Menschheit, auch wenn es durch die Kreuzigung Jesu für die Christen eine ganz besondere Bedeutung bekommen hat.
Seit Urzeiten erinnern die beiden Balken des Kreuzes an die zwei wesentlichen Dimensionen des Kosmos und daher auch des Menschen: die Vertikale und die Horizontale. Das Kreuz muss im Boden verankert sein, um stehen zu können. So ist es auch mit uns. Ohne Bodenhaftung fehlt uns der solide Stand. Der Stamm des Kreuzes weist nach oben. Ohne die Ausrichtung auf das, was über uns ist, den Himmel, das Überirdische, fehlt uns die Zielrichtung des Lebens. Der Querbalken verweist auf das Miteinander, die vielen Querverbindungen, ohne die wir nicht leben können, Familie, Freunde, Gesellschaft. Der aufrechte Stand und Gang des Menschen verkörpert die Vertikale, die ausgebreiteten Arme die Horizontale. So ist seit eh und je das Kreuz ein Symbol des Menschen.
Menschen haben freilich draus das Symbol der grausamsten Todesart gemacht. Lange bevor Jesus am Kreuz starb, hat die Phantasie der Menschen es zu einem Folterwerkzeug gemacht. Jesus war nur einer von Zahllosen, die unter unsäglichen Qualen auf diese Weise getötet wurden. An deren längst vergessene Leiden erinnert das Kreuz bis heute. Wenn wir nur mehr das Gesunde, Strahlende, Topfitte des Menschen sehen wollen, dann müssen wir tatsächlich alle Kreuze entfernen, um ja nicht an das Leid so vieler Menschen erinnert zu werden. Anders war das Verhalten der Frauen, die Jesus bis zum Kreuz begleitet haben, allen voran seine eigene Mutter, die beiden anderen Marien und als einziger von den Aposteln der Lieblingsjünger Johannes. Sie stehen dort für die Vielen, die nicht wegbleiben und wegschauen, wenn andere leiden.
Das Kreuz ist nicht umsonst das große Symbol des helfenden Beistands bei Unfällen, Katastrophen, bei allen Arten von menschlicher Not. Ich denke mit großer Dankbarkeit an das Rote Kreuz und die vielen anderen Hilfsorganisationen. Hier leuchtet die tiefste Bedeutung des Kreuzes auf: Es ist das große, bleibende Zeichen der Versöhnung und Vergebung. Denn beides gibt es nur, wenn einer bereit ist, dafür den Preis zu zahlen. Dazu hat Jesus freiwillig das Kreuz auf sich genommen. Was braucht unsere Welt mehr als echte Versöhnung? Deshalb brauchen wir das Zeichen des Kreuzes.