Ich liebe dieses Evangelium. Es erinnert mich an unvergessliche Momente am See Genesareth in Galiläa, auch See von Tiberias genannt. Mehrmals konnte ich die Osterwoche dort verbringen, mit Bischofskollegen aus aller Welt, für Tage der Besinnung und Einkehr. Es ist ein besonderes Geschenk, das Evangelium dort zu betrachten, wo es sich abgespielt hat, wo Jesus gelebt, gewirkt hat und wo er nach seiner Auferstehung den Jüngern erschienen ist. Dort ist er immer noch besonders spürbar, so kommt es mir vor.
Das Besondere am heutigen Evangelium ist für mich das Ineinander von zwei Welten, dem schlichten Alltag und der geheimnisvollen Gegenwart Gottes mitten in diesem Alltag. Damals, in der Morgendämmerung, war das greifbar zu spüren, als Jesus unerwartet am Ufer des Sees erschien. Doch ist diese Erfahrung auch heute möglich. Wie sieht sie aus? Begleiten wir die Jünger Jesu und versuchen wir, uns in ihr Erlebnis einzufühlen.
Das Leben geht weiter. Die Jünger Jesu haben dramatische Zeiten erlebt. Sie waren mit Jesus zum Osterfest nach Jerusalem hinaufgezogen. Dort kam es zur großen Krise. Jesus wurde festgenommen, verurteilt und gekreuzigt. Angst und Schrecken seiner Anhänger! Doch dann die Botschaft vom leeren Grab und schließlich Jesus selber, lebend, aber nicht mehr von dieser Welt. Er zeigt sich, doch nur für kurze Momente. Er lebt, aber nicht mehr wie vorher. Er gehört der anderen Welt an, dem Himmel, dem Jenseits. Sie aber leben hier, und dazu braucht es einen Lebensunterhalt. Ganz nüchtern sagt deshalb Petrus: „Ich gehe fischen.“ Das war sein Beruf, damit kennt er sich aus. Die anderen schließen sich ihm an. Der Wiedereinstieg ins Berufsleben erweist sich freilich als schwierig. Sie fangen nichts!
Als der Morgen graut, steht jemand am Ufer und spricht sie an. Will er ihnen frische Fische abkaufen? Da sie nichts zu bieten haben, rät der fremde ihnen, das Fischernetz nochmals auszuwerfen, und jetzt ist es randvoll. „Es ist der Herr!“ Der Lieblingsjünger Johannes hat als erster begriffen, wer der Mann am Ufer ist. Und dann kommt es zu diesem überraschenden Frühstück, zu dem Jesus sie einlädt: „Kommt her und esst!“ Keiner wagt ihn zu fragen, wer er ist, „denn sie wussten, dass es der Herr war“. Bald wird Jesus sich ihren Blicken wieder entziehen. Er ist nicht mehr von dieser Welt, und doch bleibt er ihnen nahe.
Dort, wo dieses geheimnisvolle Morgenmahl stattgefunden hat, am Ufer vom See Genesareth, habe ich immer wieder darüber nachgedacht, was das für mein Leben bedeutet. Ich ahne ein wenig, wie es den Jünger Jesu damals zumute war. Wir leben in zwei Welten, die aber nicht völlig getrennt sind, auch wenn sie sich unterscheiden. Da ist die Welt unseres Alltags, Beruf, Arbeit, Familie, Freunde, tägliche Sorgen, gelegentliche Freuden. Und da ist die andere Welt, die unsichtbare, aber nicht weniger wirkliche Welt der Seele, des Geistigen, des Glaubens. Es ist die jenseitige Welt Gottes, in der die leben, die durch das Tor des Todes gegangen sind. Manchmal spüren wir ganz deutlich, wie die andere Welt mitten in unserem Alltag da ist, trostvoll, helfend nahe. So wie Jesus damals, beim Frühstück am Seeufer. Deshalb liebe ich das heutige Evangelium so sehr.