Heute ist der Sonntag des Guten Hirten. Jesus bezeichnet sich selber als den Guten Hirten. Ich habe mit diesem Bild Freude und Not zugleich. Mir geht es wie den damaligen Zuhörern Jesu, als er ihnen das Gleichnis vom Guten Hirten erzählte: „Sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ Sind wir Menschen vor Gott wie Schafe? Bin ich als Bischof der Hirte, sind die Gläubigen „meine Schäflein“? Was Wunder, wenn heute gern gesagt wird, dass den Hirten der Kirche die Schäflein davonlaufen! Wer möchte schon gerne als Teil einer anonymen Schafherde gelten?
Und doch spricht mich die „Hirtenrede“ Jesu an. Geht es nur mir so? Sie vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit, selbst in einer Welt, in der wir wenig mit Hirten und ihren Herden zu tun haben. „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen“ – diese Worte aus dem Psalm 23 berühren nicht nur mich. So will ich versuchen, das heutige Hirtengleichnis Jesu besser zu verstehen. Das kann nur gelingen, wenn ich mich darauf einlasse, mich davon ansprechen lasse, auch auf das, was aufs Erste gesehen meinen Widerspruch auslöst.
Sehen wir uns das Gleichnis an. Es ist die Rede von einem Schafstall und dessen Tür. Wer nicht durch die Tür in den Schafstall eindringt, „ist ein Dieb und ein Räuber“. Mir kommt die Erinnerung an die beiden jugendlichen, sehr professionellen Diebe, die durch das Badezimmerfenster in meine damalige Wohnung eingestiegen sind und ordentlich „abgestaubt“ haben. Anders der Hirte. Er geht durch die Tür „und die Schafe hören auf seine Stimme“. Zwischen ihm und seinen Schafen besteht Nähe und Vertrautheit. Er ruft sie „einzeln beim Namen“.
Der Dieb und Räuber hat kein Interesse am Wohl der Schafe: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten“. Dazu fallen mir genügend Beispiele aus der täglichen Wirklichkeit ein, angefangen vom Drogendealer, der sein Geschäft mit meist jungen Menschen macht und ihr Leben zerstört. Viel grundsätzlicher geht es um mein Verhältnis zu den Anderen: Geht es mir dabei um mich, meinen Erfolg, meinen Profit, oder um die Anderen? Nütze ich sie für mich aus? Suche ich mich dabei selber oder interessiert mich das Wohl der Anderen? Gehe ich ehrlich und offen auf sie zu, durch die Türe, oder schleiche ich mich durch die Hintertüre an sie heran?
So weit ist das Gleichnis Jesu allgemein verständlich und kann zu einer guten Gewissenserforschung dienen. Schwieriger wird es mit der Anwendung, die Jesus mit Ausschließlichkeit auf sich selber bezieht: „Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber.“ Ist Jesus der einzige Weg? Gibt es nicht viele Wege zu einem erfüllten Leben? Ein Journalist hat einmal Papst Benedikt XVI. gefragt: Wie viele Wege gibt es zu Gott? Seine Antwort: „So viele, wie es Menschen gibt!“ Für mich ist diese Antwort ganz entscheidend. Jeder Mensch ist einmalig. Wir teilen alle die eine, gemeinsame menschliche Natur und haben daher alle die gleiche Würde. Wir sind aber keine anonyme Masse. Gerade darin liegt für mich das Besondere an Jesus, das er im Gleichnis vom Guten Hirten zum Ausdruck bringt: „Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.“ Einzeln, nicht im Allgemeinen! Bei meinem Namen! Ich zähle für ihn. Er kennt mich. Es ist genau das Gegenteil von einer namenlosen Herde, in der ich untergehe, weniger bin als eine Zählnummer. Jesus will für jeden Menschen ganz persönlich, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben. Genau das will der Gute Hirte!