Falls das Wetter es zulässt, werden wir heuer im Herzen von Wien den großen „Stadtumgang“ halten, die Fronleichnamsprozession durch die Wiener Innenstadt. Die verschiedenen Gruppierungen werden sich einreihen: blumenstreuende Kinder, die Gardemusik des Bundesheeres, die Goldhauben und die farbentragenden Studentenverbindungen, Vertreter des öffentlichen Lebens und der Universität, sie alle und viele Gläubige gehen dem „Himmel“ voraus oder hinterher, dem von vier Pfadfindern getragenen Baldachin, unter dem ich mit der Monstranz gehe. Sie ist die eigentliche Mitte des ganzen Umzugs. Sie enthält das kleine weiße Brotstück, um das sich alles dreht: das eucharistische Brot, die heilige Hostie, der Leib Christi.
Überall in Österreich, in fast allen Dörfern und Städten, finden heute die Fronleichnamsprozessionen statt, manche mit besonders viel Folklore, mit altgewohnten Traditionen und schönen Bräuchen. Was wir da tun, landauf, landab, ist es trotzdem mehr als Folklore? In der Wiener Innenstadt ist der Weg der Prozession gesäumt von zahlreichen Touristen und zufälligen Passanten. Sie schauen neugierig auf dieses seltsame Schauspiel, das vielen völlig unverständlich ist. Gelegentlich bekreuzigt sich jemand oder beugt gar das Knie vor dem Allerheiligsten, wie das heilige Brot genannt wird. Und wie geht es uns, die wir in der Prozession mitgehen, betend, singend? Kommen wir uns da eher fremd vor unter den vielen Menschen, die meist verständnislos zuschauen oder einfach vorbeieilen?
Verständnislos reagierten schon damals die Zuhörer, als Jesus in der Synagoge von Kapharnaum von einem anderen Brot sprach, „das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben“. Die Leute hatten vor kurzem erlebt, wie Jesus mit nur fünf Broten mehrere Tausend Menschen sattgemacht hat. Jetzt spricht er nicht mehr vom Brot, das den Leib satt macht: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ Das war den meisten seiner Zuhörer zu viel: „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Aber Jesus bleibt hartnäckig bei seinen anstößigen Worten: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich selber immer wieder gemischte Gefühle empfinde, wenn ich mit der Monstranz durch die Menschenmenge gehe. Ist das eine inzwischen doch eher überholte Tradition? Wer versteht, was wir da tun? Passt das in unsere heutige Zeit? Doch dann bewegt mich immer neu der einfache Gedanke: Und wenn es wahr ist, was Jesus gesagt hat? Wenn dieses kleine, weiße Brot wirklich sein Leib ist? Wenn Jesus also auf eine verborgene, aber wirkliche und wahre Weise hier mitten unter den Menschen gegenwärtig ist? Und ist es nicht so, dass ich das von ganzem Herzen selber glaube? Schon als Kind, als Jugendlicher habe ich das gespürt und geglaubt: Jesus ist da! Bis heute trägt mich dieses Vertrauen. Es ist mir Trost und Freude. Und dann bitte ich Jesus ganz schlicht: Segne alle die vielen Menschen! Tröste und stärke sie und sei bei ihnen! Ja, Fronleichnam ist wirklich mehr als nur Folklore!