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Schon und noch nicht

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 16. Juli 2023

16.07.2023
© MDB/Bilderbox
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Wenn es etwas gibt, was Jesus und seine Art zu reden kennzeichnet, dann sind es seine Gleichnisse. Fast wage ich zu sagen: Sie haben ihn berühmt gemacht. Sie haben über die Jahrhunderte bis heute prägend gewirkt. Woher hat der Arbeiter-Samariterbund seinen Namen? Von einem unvergesslichen Gleichnis, das Jesus erzählt hat, dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der den Verletzten am Wegrand nicht liegen lässt, sondern sich seiner annimmt. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn hat die Künstler aller Generationen inspiriert. Bis zu vierzig Gleichnisse Jesu sind in den Evangelien überliefert. Alles, das ganze Leben kommt in ihnen zur Sprache, Sorgen und Freuden, Alltag und Feste, schlimme Verbrechen und tiefe Menschlichkeit, Kinder und Erwachsene, Arme und Reiche, Sklaven und Freie, Geldverleiher und Schuldner, Pächter und Großgrundbesitzer, Weingärtner und Hausfrauen, Pharisäer und Zöllner, Könige und Schweinehirten. Gerhard Lohfink, der von mir hochgeschätzte Bibelkenner, hat der bunten Welt der Gleichnisse Jesu ein spannendes Buch gewidmet (Die vierzig Gleichnisse Jesu, Verlag Herder, 2020).

„Warum redest du zu den Menschen in Gleichnissen?“ – so fragen ihn seine Jünger. Jesus konnte sehr wohl Klartext sprechen, ohne Umschweife und ohne Bildworte. Am liebsten sprach er freilich in der Form der Gleichnisse. Das heutige Evangelium ist dafür typisch. Eine große Menschenmenge hat sich am Ufer des Sees Genesaret versammelt. Jesus „sprach lange zu ihnen in Gleichnissen“. Von einem Sämann erzählt er, von der Aussaat auf den kargen Böden des heimatlichen Galiläa und von dem, was alle nur zu gut kennen: die Vögel picken die Saatkörner auf; die Sonnenhitze lässt die Saat verdorren; Dornen und Disteln wachsen schneller als die aufkeimende Saat. Immerhin: Ein Teil schafft es, bis zur Frucht durchzuhalten, sodass es am Ende doch noch eine gute Ernte gibt.

 

Was will Jesus mit dem Gleichnis sagen? Gerhard Lohfink hat schön herausgearbeitet, dass es Jesus in allen Gleichnissen um ein Thema geht. Es ist sein Lebensthema, das er von Anfang an in den Mittelpunkt stellt: „Das Reich Gottes ist nahe!“ „Reich Gottes“ - was meint Jesus damit? Es ist die große Hoffnung des jüdischen Volkes! Einmal wird Gott herrschen, seine Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit. Die Königsherrschaft Gottes wird allem Unrecht ein Ende setzen. Wann wird das endlich eintreten? Wenn Gott seinen Messias als Befreier und Erlöser senden wird! In diese Hoffnung hinein spricht Jesu Botschaft: „Das Reich Gotte ist nahe!“ Doch woran sollen die Menschen merken, dass das stimmt? Gibt es Zeichen, die dieses Kommen anzeigen? Bisher hat sich die Welt nicht geändert. Von Gerechtigkeit und Frieden ist sie weit entfernt, damals wie heute! Ist Jesu Botschaft eine Vertröstung auf den Nimmerleinstag?

 

Hier haben die Gleichnisse Jesu ihren „Sitz im Leben“. Die Arbeit des Sämanns stößt auf viele Hindernisse. Er steht für Gott, der durch Jesus die gute Saat in die Welt aussät. Das Reich Gottes scheint gegen alle Widrigkeiten sich nicht durchsetzen zu können. Ein Großteil der Saat schafft es nicht, aufzugehen. Gegen allen Pessimismus zeigt das Gleichnis Jesu, dass dennoch ein Teil der Saat auf guten Boden fällt und sogar reiche Frucht bringt, bis zu hundertfach

 

Mit allen seinen Gleichnissen will Jesus immer wieder das Eine sagen: Es mag um die Welt noch so schlecht bestellt sein, wer Augen und Ohren und das Herz offen hat, wird wahrnehmen, dass Gottes gutes Wirken jetzt schon geschieht, auch wenn es noch nicht offenkundig ist.

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