Der Teufel schläft nicht, sagt ein Sprichwort. Im heutigen Evangelium ist vom Feind der Menschen die Rede. Was er tut ist böse, ja teuflisch böse. Ein Mann sät Getreidesamen auf seinen Acker. In der Nacht, als die Leute schliefen, „kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg“. Nicht irgendeinen Unkrautsamen streute er auf den Acker, sondern einen besonders gefährlichen: Taumel-Lolch heißt das Unkraut, auch Schwindelweizen, Tollkorn oder Rauschgras genannt. Der Bibelfachmann Gerhard Lohfink schreibt darüber: Der Taumel-Lolch „war in den Ländern rund um das Mittelmeer weit verbreitet (früher auch bei uns) – und er war gefährlich, weil er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Weizen hatte und oft von einem Pilz befallen war, der als Nervengift wirkte. Mit dem Aussäen von Taumellolch konnte man seinen Gegner schweren Schaden zufügen. Es war eine Art Giftattacke.“
Verständlich, dass die Knechte des Landwirtes höchst besorgt waren, als der Lolch neben der guten Saat aufzugehen begann. Wird er mit dem Getreide mitgeerntet und mitverwendet, kann er Vergiftungen bewirken. Daher die Sorge der Knechte: „Sollen wir gehen und es ausreißen?“ Die Antwort des Gutsherrn ist das Zentrum des Gleichnisses Jesu: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ Erst dann sollen sie den Lolch vom Weizen trennen. Was also will Jesus mit diesem Gleichnis sagen? Sicher geht es ihm nicht um landwirtschaftliche Hausregeln. Es ist allen einsichtig, dass die Entscheidung des Gutsherrn die vernünftige und richtige war. Bei den Gleichnissen Jesu geht es immer zuerst um das, was die Geschichte bei mir persönlich auslöst. So kann ich nur versuchen, das für mich selber zu tun. Was es bei den anderen Hörern und Lesern auslöst, kann sehr verschieden sein.
Mich spricht zuerst die Geduld des Wartens an. Das giftige Unkraut gibt es in vielen Gestalten. Meist ist meine erste Reaktion die der Knechte: möglichst schnell ausreißen! Das Problem lösen und beseitigen! Entschieden handeln und nicht zuwarten und zögern!
Müssen wir das Böse, das Übel nicht bekämpfen? Rät Jesus gar zu der typisch österreichischen Haltung: Abwarten und sehen, wie es weitergeht? In der Umgebung Jesu gab es Gruppen, die radikale Lösungen wollten. Sie dachten an die große Säuberung, die die Propheten angekündigt hatten. Jesus war entschieden gegen Gewaltlösungen, die von Menschen ausgingen. Das Gericht ist Gottes Sache. Ihm allein steht es zu, das Unkraut vom Weizen zu trennen. Jetzt ist die Zeit der Geduld! Wir dürfen nicht darüber zweifeln, dass es immer beides geben wird, den guten Weizen und das giftige Unkraut. In mir selber gibt es beides! Ein Leben lang wird es mir nicht gelingen, alles Unkraut in mir auszureißen. Soll ich deshalb den Kampf gegen meine Fehler aufgeben und alles laufen lassen? Sicher nicht! Ich soll nur vorsichtig sein zu glauben, dass ich alles Unkraut bei den anderen zu bekämpfen habe: „Lasst beides wachsen!“ Dieser Rat Jesu gilt zum Beispiel für die Erziehung. Kinder dürfen Fehler haben. Die Eltern müssen erziehen, aber nicht dressieren. Sie sollen ermutigen, aber nicht perfekte Kinder haben wollen. Denn auch sie sind nicht perfekt. „Ertragt einander in Geduld!“ – so der Rat des heiligen Paulus.
Es gibt aber auch das boshafte, teuflische Aussäen von Giftkraut. Jesus nennt den Lolch beim Namen. Fakenews ausstreuen vergiftet. Hass säen ist teuflisch. Andere verführen ist das Werk des Menschenfeindes. Gott hat Erbarmen mit den Verführten. Ihre Verführer müssen ihr Tun vor Gott verantworten! Jetzt lasst beides wachsen, den Weizen und das Unkraut! Jesus rät zum Vertrauen, dass am Ende der gute Weizen gewinnen wird.