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Was damals wirklich geschah

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 13. August 2023.

13.08.2023
© https://jenikirbyhistory.getarchive.net/amp/de/media/eugene-delacroix-christ-on-the-sea-of-galilee-walters-37186-888d7b
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Die vier Evangelien sind alle erst viele Jahre nach den Ereignissen geschrieben worden, von denen sie berichten. Wann sie genau zu datieren sind, ist umstritten. Am meisten verbreitet ist die Annahme, dass alle vier nach dem Jahr 70 entstanden sind, nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer. Ich persönlich neige eher zur „Frühdatierung“ der Evangelien, die von einer Minderheit der Fachleute vertreten wird.


Der einfache Leser der Evangelien mag sich fragen: Ist das wirklich so wichtig, hier zu einer eindeutigen Klärung zu kommen? Ist die Überlieferung über das Leben und die Worte Jesu nur dann zuverlässig, wenn die Evangelien möglichst früh verfasst wurden? Oder geht es vor allem um die Frage, wie glaubwürdig die Berichte der Evangelien sind? Wichtig ist: Schon die ersten Generationen der Christen haben die Worte und Taten Jesu im Zusammenhang mit ihrem eigenen Leben und ihren Erfahrungen gelesen. So machen wir es im Grunde bis heute, wenn wir uns fragen: Was sagt mir dieses oder jenes Evangelium in meinem Leben? Was lernen wir daraus für unsere heutige Situation? So lese ich auch das heutige Evangelium.


„Sie hatten Gegenwind!“ Wer kennt nicht die Situation, in der ich mich abmühe und trotzdem nicht vorwärtskomme? Statt Rückenwind nur ein „von den Wellen hin und hergeworfen“-Werden! Dazu das Gefühl, alleingelassen zu sein, eine kleine Schar, die sich vergeblich plagt. So kommt mir manchmal die Situation der Kirche von heute vor. Gab es schon damals, in ihrer Frühzeit, solche frustrierenden Erfahrungen? Jesus hat die Jünger zur nächtlichen Überfahrt gedrängt. Sie sollten vorausfahren. Wo ist er? Auf einen Berg ist er gestiegen, „um für sich allein zu beten“. Kümmert es ihn nicht, dass wir uns alle den Stürmen der Zeit ausgesetzt sehen? Von dort, wo Jesus gebetet hat, überblickt man den ganzen See Genesareth. Er sah also, wie mühsam das Boot gegen die Wellen ankämpfte. Warum kommt er dem Boot seiner Kirche nicht zu Hilfe? Warum greift er nicht mehr ein in die vielen Nöte der Welt? Sie leidet – und er betet „für sich allein“! Oder doch auch für uns alle?


Es gibt die Erfahrung, dass er hilft. Sein Eingreifen ist nicht so offensichtlich wie damals am See. Und doch dürfen wir von seiner Fügung sprechen, wenn sich der Sturm legt, der uns verzweifeln ließ. Eine Frage bleibt für mich: Warum hilft er so spät? Erst in der vierten Nachtwache, beim Morgengrauen, kommt Jesus zu ihnen.


Sie erkennen ihn nicht gleich. Wer kann schon über das Wasser gehen? Es packt sie panische Angst vor dem, den sie für ein Gespenst halten. Wie schwierig ist es oft, die Gegenwart Jesu zu erkennen, wenn alles uns Schrecken einflößt! Umso tröstlicher ist sein Zuspruch: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Am bewegendsten ist für mich die Szene mit Petrus. Auf Jesu einfaches „Komm!“ hin wagt Petrus das Unmögliche und geht übers Wasser auf Jesus zu. Sein Hilferuf „Herr, rette mich!“ und Jesu Wort „Du Kleingläubiger!“ treffen mich persönlich.

 

Was macht es, ob dieses Evangelium vor oder nach dem Jahr 70 niedergeschrieben wurde? Es sprach von Anfang an mitten ins Leben hinein. Doch das tut es nur deshalb, weil damals, „in jener Zeit“, wirklich geschehen ist, was das Evangelium getreu berichtet, so wirklich, wie auch heute erfahren wird, dass Jesus kommt und hilft.
 

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