Wie oft muss ich vergeben? Petrus erwartet von Jesus auf diese Frage eine klare Antwort. Einmal muss Schluss sein mit Verzeihen! Siebenmal muss das Äußerste sein, was man erwarten kann. Jesus lehnt jede Grenze ab: „bis zu siebzigmal siebenmal“, also ohne Ende! Offensichtlich sieht Jesus im Vergeben nicht eine gelegentliche Großzügigkeit, sondern etwas, das ganz wesentlich zum menschlichen Leben gehört. Vom Verzeihen hängt es ab, ob unser Leben gelingt oder scheitert, und doch ist es wahrscheinlich das Schwerste im Leben. Aber ohne Verzeihen wird das Leben unerträglich.
Verzeihen hat mit Schuld zu tun. Was tun, wenn „mein Bruder gegen mich sündigt“? Das Normale ist es, dass er den Schaden wieder gut macht. Er hat ungerecht gehandelt. Die Gerechtigkeit muss wiederhergestellt werden. Warum gehen Geschwister gegeneinander vor Gericht? Weil der eine sich durch den anderen übervorteilt, hintergangen, betrogen fühlt. Aus der Verletztheit durch den anderen können sich im Herzen Zorn, Rachegelüste, Hass aufstauen: Lass dir das nicht gefallen! Wehre dich! Verzeihen würde dir nur als Schwäche ausgelegt werden! Du würdest nur noch mehr hintergangen werden!
Auf alle diese sehr menschlichen Gefühle und Gedanken antwortet Jesus mit einem Gleichnis. Er bringt eine andere Wirklichkeit ins Spiel. Er nennt sie „das Himmelreich“ oder auch „das Reich Gottes“. Wie sieht sie aus? Von zwei Schuldnern ist die Rede. Der eine schuldet dem König die unvorstellbare Summe von zehntausend Talenten Silber, das entspricht sehr vielen Millionen Euro. Ihm selber schuldet ein Kollege hundert Denare, etwa drei Monatslöhne eines Arbeiters. Die Riesenschuld kann er unmöglich zurückzahlen. Auf sein flehentliches Bitten erlässt ihm der König die gesamte Schuld. Seinem Kollegen gegenüber verhält er sich beinhart und zu keinem Aufschub der Rückzahlung bereit. Der Kontrast ist himmelschreiend: hier die unvorstellbare Großherzigkeit des Königs, dort die unfassbare Engherzigkeit des eben von der Riesenschuld Befreiten. Wer dieses Gleichnis hört, spürt die Empörung über das Verhalten dessen, der eben eine so große, rettende Gnade vom König erhalten hat. Der Zorn des Königs ist nur zu verständlich: „Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ Ich bin dir mit unfassbarer Güte entgegengekommen. Warum bist du nicht wenigstens im Kleinen zu deinem Kollegen großherzig?
Die Botschaft Jesu ist klar, aber anspruchsvoll. Warum sollen wir einander vergeben? Weil Gott uns unvergleichlich mehr vergeben hat! Hat er das wirklich? Habe ich Gott gegenüber Schuld? Jesus macht auch den Umkehrschluss: Wie kannst du erwarten, dass Gott mit dir barmherzig ist, wenn du deinem Nächsten gegenüber so unbarmherzig bist? Deshalb verknüpft Jesus für immer Gottes Vergebung mit unserer Bereitschaft zum Verzeihen. Er hat uns gelehrt, wie wir im „Vaterunser“ beten sollen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wie anders sieht das Leben, ja die ganze Welt aus, wenn wir das im Kleinen täglich tun!