Mein Vater starb an einem Freitagnachmittag, in seinem Bett. Ich durfte bei ihm sein. Die Nacht darauf blieben wir die meiste Zeit still an seinem Bett. Ein tiefer Friede war zu spüren. Am nächsten Morgen kam die Bestattung. Als der Sarg aus seiner Wohnung getragen wurde, hatte ich den starken Eindruck, als wäre er da und sähe dem Abtransport seines Leichnams zu. Eines empfand ich in diesem Moment ganz tief: Was in dem Sarg liegt, das ist nicht mehr er! Ich spürte seine Nähe, bei mir, nicht bei dem Toten. Dieser Moment ist mir unvergesslich in Erinnerung.
Die Kirche feiert Allerheiligen und Allerseelen. Sie gedenkt aller Verstorbenen, all der unzählbaren Menschen, die vor uns gelebt haben und die alle durch das eine schmale Tor des Todes hinübergegangen sind. Wohin? Wo ist dieses „Drüben“, das unvergleichlich mehr bevölkert sein muss als unsere Erde, falls es „das Jenseits“ gibt? Am Friedhof sind die sterblichen Überreste. Ihnen gelten die Gräberbesuche dieser herbstlichen Tage. Und doch werden nicht die Gräber aufgesucht, sondern die Menschen, die hier ihr Grab gefunden haben. Deshalb gehe ich an das Grab meiner Eltern. Es tut gut, dort an sie zu denken, für sie zu danken und auch zu beten.
In jeder Messe betet die Kirche für die Verstorbenen. Brauchen sie das? Hilft es ihnen? Viele Jahre nach dem Tod meines Vaters (ich war schon Erzbischof) sprach mich völlig überraschend eine mir unbekannte Frau auf der Straße an und sagte: „Sie müssen mehr für Ihren Vater beten!“ Sie ging gleich weiter und ich blieb verwundert zurück. Seither denke ich viel öfters, besonders in der Messe, an meine Eltern. Warum für die Verstorbenen beten? Sie sind doch schon im Ewigen Leben. Sie haben das Ziel des Weges erreicht.
Mir ist es ein Trost, dass wir für sie beten können. Wie oft wird der Tod als ein schmerzlicher Abbruch erfahren! So manches bleibt unerledigt, unaufgearbeitet. Schuld ist nicht vergeben worden, Versöhnung konnte nicht mehr stattfinden. Das Gebet für die Verstorbenen zeigt, dass wir mit denen, die uns vorausgegangen sind, noch nicht am Ende unseres Weges sind. Sie selber haben wohl noch manches Wegstück „drüben“ zu gehen, bis sie ganz im Licht sind. Ihnen dabei zu helfen, kann der Sinn des Gebets für die Verstorbenen sein.
Manche sterben so, dass andere von ihnen den Eindruck haben, sie seien gleich ganz ins ewige Licht eingetaucht. Sie sind „im Ruf der Heiligkeit“ gestorben. Nicht alle werden ausdrücklich als Heilige verehrt. Aber alle haben so gelebt, wie Jesus es im heutigen Evangelium anspricht: Er nennt sie die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die Friedensstifter. Es sind die, die vor Gott arm sind, lauteren Herzens, um ihres Glaubens willen verfolgt. Sie werden „Heilige“ genannt. Deshalb dürfen wir sie um ihre Hilfe bitten, unkompliziert und direkt.