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Schöpferisches Vertrauen

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 19. November 2023.

19.11.2023
© https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichnis_von_den_anvertrauten_Talenten#/media/Datei:Parable_of_talents.jpg
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In meiner Küche hängt ein kleines Schild. Darauf steht: „Es gibt viel zu tun – fangt schon mal an.“ Darum geht es im heutigen Evangelium. Ein Mann verreist, wohl für längere Zeit. Er ruft seine drei Diener zu sich „und vertraut ihnen sein Vermögen an“, ziemlich hohe Beträge, alles was er hat. „Sofort ging der Diener, der die fünf Talente erhalten hatte hin, wirtschaftete mit ihnen und gewann noch fünf weitere dazu.“ Auch der zweite machte sich gleich an die Arbeit. Es gibt viel zu tun – fangt schon mal an!

 

Das Spannende am Gleichnis von den Talenten ist die Tatsache, dass der Besitzer sein Vermögen wirklich in die Hände seiner Diener legt. Ein riesiges Vertrauen seinerseits! Ein Risiko, das er bewusst eingeht. Er setzt keinen Inspektor ein, der die Geschäftsgebarung kontrolliert und sich regelmäßig berichten lässt. Die Diener haben völlig freie Hand. Wer von uns schenkt ein so großes Vertrauen? Klaus Berger (1940-2020), der große, humorvolle Bibelwissenschaftler, schreibt in seinem Jesus-Buch: „Ich selber kann … ziemlich gut mit Bauklötzchen umgehen und habe meinen Kindern immer tolle Sachen vorgebaut – mit dem Erfolg, dass sie nie einen Bauklotz in die Hand nahmen. So erdrückt man Fähigkeiten. Gott erdrückt uns nicht. Er gibt uns ein eigenes, offenes Feld, gibt uns Freiheit und eigene Verantwortlichkeit.“

 

Der Mann, der auf Reisen geht (und der im Gleichnis für Gott steht), macht seinen Dienern keine konkreten Angaben, wie sie mit dem Vermögen wirtschaften sollen. Er setzt einfach voraus, dass sie begriffen haben, was sie mit dem Anvertrauten machen sollen. Sein Vertrauen in sie motiviert sie, sich voller Energie für sein Vermögen einzusetzen. In den langen Jahren meiner Dienstzeit als Bischof habe ich die Erfahrung gemacht: Eine gute Zusammenarbeit lebt vom Vertrauen. Gegenseitige Wertschätzung setzt Kräfte frei, macht kreativ und schenkt Freude an der Arbeit.

 

Der dritte Diener ist das genaue Gegenbild. Er setzt seinen Anteil am Vermögen seines Herrn nicht ein. Er geht auf Nummer sicher, macht Dienst nach Vorschrift, lustlos und angstvoll. Vom „Chef“ hat er das Bild eines Tyrannen, nicht eines Vorgesetzten, der ihm Vertrauen schenkt. Das Ende des Gleichnisses ist schrecklich: Hinauswurf „in die äußerste Finsternis“! Kann Gott, der so viel Vertrauen schenkt, auch dermaßen unerbittlich sein, wenn wir sein Vertrauen missbrauchen? Über diese Frage stolpere nicht nur ich. Sie wird für viele zum schweren Anstoß, zum Zweifel an Gottes Güte. Ist das das letzte Wort eines liebenden Gottes?

 

Dazu zwei Gedanken. Erstens richtet sich das Gleichnis immer auch an uns persönlich. Jeder Mensch hat „Talente“ mit auf den Weg bekommen. Alle haben wir Verantwortung, wie wir damit umgehen. Nicht nur mit unseren eigenen, sondern auch mit denen der anderen. Geben wir den anderen Raum und Chance, oder erdrücken wir ihre Begabungen durch unseren Egoismus?

 

Zweitens müssen wir uns fragen, warum der dritte Diener eine solche Angst vor seinem „Chef“ entwickeln konnte. Wie oft bin ich Menschen begegnet, denen ein angsterfülltes, lähmendes Gottesbild vermittelt worden ist. Es ist doch Gottes Herzenswunsch, einmal zu jedem von uns sagen zu können: „Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn!“ Vermitteln wir anderen diesen Herzenswunsch Gottes?

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