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Letztlich zählt nur Eines

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 26. November 2023.

26.11.2023
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Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan zählt zu den berühmtesten Kunstwerken der Weltgeschichte. Acht Jahre hat Michelangelo daran gearbeitet. Es ist sein letztes großes Werk. Christus ist als Weltenrichter der Mittelpunkt der gewaltigen Szene. Dargestellt werden Tote, die aus den Gräbern auferstehen, die einen, um in den Himmel aufgenommen, die anderen, um in die Hölle verworfen zu werden. Ausgangspunkt all der Vorstellungen vom Weltgericht ist das Gleichnis Jesu im heutigen Evangelium. Auch hier ist von der großen, letzten Scheidung die Rede, von den Schafen zur Rechten und den Böcken zur Linken, „wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet“. Die einen gehen weg „zur ewigen Strafe“, die anderen „zum ewigen Leben“.

 

So bekannt Michelangelos Monumentalfresko ist, so fremd ist vielen die Idee eines „Jüngsten Gerichts“ nach dieser Art. Warum soll es ein Weltgericht geben? Wenn wir sterben, ist doch alles vorbei und „erledigt“. Wozu am Ende der Zeiten noch einmal alles aufrollen, was doch längst vergangen ist? Ein Gedanke hilft mir hier weiter, den ich bei Papst Benedikt XVI. gelesen habe: Mit meinem Tod ist mein Erdenleben zu Ende. Nicht abgeschlossen sind die Folgen und Spuren meines Lebens. Sie wirken über den Tod hinaus weiter, im Guten wie im Bösen. Ganz praktisch: Schulden, die sich angesammelt haben, belasten die Erben, eine gute Erbschaft hilft den nächsten Generationen. Die Liebe, die wir im Leben geschenkt haben, wirkt weiter, oft über lange Zeit. Unversöhnter Hass und Streit wird nicht nur ins Grab mitgenommen, sondern vergiftet auf lange Zeit hinaus das Leben der Nachkommen. Unterlassungen bleiben ein Schaden oft weit über den Tod hinaus. Unsere persönliche Geschichte wirkt nach. Erst im Jüngsten Gericht liegen alle Folgen aller Menschenleben offen vor dem, der das letzte Wort über uns alle hat.

 

Doch nun das Erstaunliche: Was zählt in dieser allumfassenden Bilanz des Weltgeschehens? Da ist nicht die Rede von berühmten Menschen, Kaisern und Herrschern, auch nicht von Religionen und ihren Unterschieden. Gefragt wird nicht nach Frömmigkeit und religiöser Praxis. Einzig und allein werden sechs Situationen genannt, die leider bis heute nur allzu häufig sind: Menschen, die hungrig und durstig sind, fremd, nackt, krank oder im Gefängnis. Und nur eines zählt: Wie haben wir uns ihnen gegenüber verhalten, wir als Einzelpersonen und als Gemeinschaft? Daran entscheidet sich alles, Himmel oder Hölle. Können so einfache Dinge des Alltags ein dermaßen entscheidendes Gewicht haben? Jesus hat auf diese Frage eine klare Antwort gegeben: „Was ihr für eines meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.“ Es nicht getan zu haben, wiegt schwerer als alles andere. Das Jüngste Gericht entscheidet sich deshalb schon heute, an diesen scheinbar so kleinen Dingen.

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