Das lange Wochenende verdanken wir dem Fest Maria Empfängnis, in Österreich zwar Feiertag, aber mit offenen Geschäften. Der volle Name des Festes lautet: „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Der Titel klingt recht fremd. Die Sache, um die es heute geht, ist aber sehr bodenständig. Genauer geht es um zwei Anlässe: um eine Empfängnis und um etwas Schmerzliches, das Erbsünde oder Erbschuld genannt wird. Ein Blick auf beide Wirklichkeiten kann helfen, das heutige Fest ein wenig zu verstehen.
Es geht um eine Empfängnis, genauer um die von Maria durch ihre Eltern Joachim und Anna. In genau neun Monaten, am 8. September, feiert die Kirche den Geburtstag von Maria. Es ist schön, die Geburtstage zu feiern. Ich hätte mich gefreut, wenn auch der Tag meiner Empfängnis gefeiert würde, denn mit diesem Tag hat mein Leben begonnen. Schade, dass die wenigsten Eltern das ihren Kindern sagen, als würde man sich schämen, über diesen Augenblick zu sprechen. Wenigstens für Maria wird der Tag gefeiert, an dem das Leben dieses wunderbaren Menschen begonnen hat.
Doch da ist auch das zweite Thema des heutigen Festes: Maria sei „ohne Erbsünde“ empfangen worden. Was bedeutet „Erbsünde“ oder „Erbschuld“? Nach christlicher Lehre sind wir alle mit diesem Mangel geboren. Wie ist das zu verstehen? Judentum, Christentum und Islam sind sich darin einig, dass wir Menschen nicht nur mit unseren guten Eigenschaften auf die Welt kommen. In jedem Menschen steckt von Anfang an beides, der gute und der böse Trieb, die Freude am Guten, aber auch die Neigung zum Bösen. Die Bibel erklärt dies durch die Geschichte vom Sündenfall von Adam und Eva. Der Bericht darüber ist keine wissenschaftliche Erklärung, sondern eine Deutung, warum es das Böse unter uns Menschen gibt. Täglich haben wir mit diesem bitteren Erbe zu kämpfen. Das ganze Leben ist ein Mühen und Ringen, dem Hang zum Bösen zu widerstehen.
Gott hat uns Menschen dazu die Zehn Gebote gegeben, damit wir einfache Leitlinien für diesen Kampf zur Hand haben. Sicherheitshalber hat Gott uns diesen Leitfaden nicht nur schriftlich gegeben, sondern ihn gleich in das Herz jedes Menschen geschrieben. Ohne lesen zu können weiß schon das Kind, dass lügen oder stehlen nicht in Ordnung ist.
Wie geht dieser Kampf aus? Siegt der böse Trieb? Wer die täglichen Nachrichten konsumiert, muss den Eindruck bekommen, dass das Gute hoffnungslos auf der Verliererspur ist. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass das nicht stimmt. Ich glaube fest daran, dass das Gute bei weitem stärker ist als alles Wirken des bösen Triebs. Woher nehme ich diese Gewissheit? Aus der Erfahrung, denn das täglich zahllose Gute, das geschieht, macht keinen Lärm wie das Böse, doch hält es die Welt aufrecht. Und auch der Glaube sagt mir: Die Güte und die Liebe sind die stärksten Mächte. Dafür ist Maria das leuchtende Zeichen. Ihr Herz hat für alle Platz, weil kein Schatten der Selbstsucht sie hindert. Nicht umsonst wird sie in aller Welt verehrt und geliebt.