Mit 11 Jahren kam in mir der Wunsch auf, Priester zu werden. Ich wurde es tatsächlich. Bis heute glaube ich, dass es so etwas wie eine Berufung war. Es hat gepasst. Ich habe, so empfinde ich es, meinen Beruf gefunden und bin darin glücklich geworden, soweit man auf dieser Welt das Glück finden kann. Mein jüngerer Bruder wollte, seit er 11 Jahre alt war, Schauspieler werden. Er wurde es und ist es sein ganzes Berufsleben lang geblieben. Er sah darin seinen Beruf, aber auch so etwas wie eine Berufung, auch wenn er jetzt seine Pension genießt. Was ist Berufung? Wie erkennt man sie? Ist sie mehr als ein Beruf?
Eines ist sicher: Berufungen sind so vielfältig und so unterschiedlich wie es die Lebensgeschichten von uns Menschen sind. Dennoch lohnt es sich, nach gemeinsamen Zügen der Berufungen zu fragen. Das heutige Evangelium handelt von Berufungen ganz besonderer Art. Es geht darum, wie zwei der künftigen zwölf Apostel zu ihrer Berufung gefunden haben. Wie „funktionierte“ Berufung bei ihnen?
Jede Berufung hat ihre Vorgeschichte. Ich habe mir oft die Frage gestellt, wie das bei mir war. Kam es aus heiterem Himmel, dass in mir der Wunsch erwachte, Priester zu werden? Und wie war es bei meinem Bruder mit der Idee, Schauspieler sein zu wollen? Die beiden Jünger des Täufers Johannes sind bereits auf einem geistlichen Weg. Sie haben sich, wie viele andere, dem Täufer angeschlossen und sind seine Jünger geworden. Was hat sie dazu bewogen? Johannes muss sie irgendwie fasziniert haben. So war es oft in der Geschichte der religiösen Bewegungen. Die Ordensgründer waren solche „Magneten“, die andere durch ihr Beispiel angezogen haben. Ihre Lebensweise, ihre Persönlichkeit konnte in anderen den Wunsch auslösen, selber deren Lebensform zu wählen. So war es bei mir: Das Beispiel meines Religionslehrers und auch das eines Dominikanerpaters haben viel dazu beigetragen, dass ich diesen Weg als für mich wünschenswert erkannte habe. Dasselbe gilt auch für andere, „weltliche“ Berufungen. Daher ist die Vorbildwirkung für die Berufswahl so wichtig. Sie ist aber noch nicht das entscheidende Moment.
Johannes verweist seine Jünger auf Jesus: „Seht, das Lamm Gottes!“ Er will sie nicht an sich binden, sondern sie zu einer freien, bewussten Entscheidung hinführen. Und das geht nur, wenn er sie freigibt. So gehen sie seinem Wink nach und folgen Jesus. Als Jesus das bemerkt, wendet er sich um und stellt ihnen die schlichte Frage: „Was sucht ihr?“ Diese einfache Frage ist entscheidend für die Berufungsklärung. Es geht nicht nur um das Nachahmen von Vorbildern, so wertvoll es ist, solche vor Augen zu haben. Was suchst du selber? Worum geht es dir? Was ist dein ganz persönlicher Ruf? Die Antwort der beiden Johannesjünger ist ebenso schlicht wie die Frage Jesu. „Meister, wo wohnst du?“ Jesus sagt ihnen nicht: Werdet meine Jünger! Er lädt sie zu sich ein. Sie kommen mit ihm und sehen, wo er wohnt. Er lässt sie eine Erfahrung machen, wie und wer er ist. Von Berufung ist noch nicht die Rede. Doch die Begegnung mit Jesus hat etwas in ihnen bewirkt. Andreas trifft bald danach seinen Bruder Simon und sagt ihm: „Wir haben den Messias gefunden!“ Und er führt ihn zu Jesus. Wenn ich an meine Berufung denke, so war es sicher ein wichtiges Element, dass mich die Vorbilder beeindruckt haben. Doch entscheidend war etwas anderes: Ich habe Den gefunden, Dem ich mein Leben widmen möchte.