Nikodemus wollte sich selber ein Bild machen. Seine Kollegen im Hohen Rat in Jerusalem waren misstrauisch. Dieser Jesus aus Nazareth war kein Gelehrter, hatte keine besondere Bildung, er gehörte auch zu keiner der damals mächtigen religionspolitischen Parteien. Er war kein gesetzeskundiger Pharisäer wie Nikodemus, er gehörte nicht zur Tempelaristokratie wie die Sadduzäer. Er war nur ein Handwerker aus dem halbheidnischen Galiläa. Nikodemus traute sich nicht, öffentlich Jesus aufzusuchen. So besucht er ihn in der Nacht, heimlich.
Dieses Nachtgespräch hat sein Leben verändert. Bis zum Schluss blieb Nikodemus mutig auf der Seite Jesu. Ein Wort, das Jesus ihm gesagt hat, macht mich nachdenklich: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Können solche Worte auch heute das Leben verändern? „Gott liebt diese Welt“, heißt es in einem Kirchenlied. Stimmt das? Wenn ja, woran kann man das sehen? Lässt es sich überprüfen? Nikodemus hat Jesus Rückfragen gestellt, wenn ihm etwas unverständlich war. Die Bibel ermutigt dazu, Gott kritische Fragen zu stellen.
Das Buch Hiob im Alten Testament ist das beste Beispiel dafür. In seinem Leid streitet Hiob mit Gott: Wo ist deine Liebe zu uns Menschen? Wie sieht denn das Leben der meisten Menschen aus? „Ist nicht Knechtsdienst das Leben der Menschen auf Erden? Sind nicht seine Tage die eines Taglöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Taglöhner, der auf seinen Lohn wartet.“ Das Leben in dieser Welt ist für die Mehrheit kein Honiglecken! Und für alle endet es mit dem sicheren Tod. Wo ist da Gottes Liebe zu dieser Welt voller Leid und Tod?
Nun ist das Erstaunliche, dass die Bibel selber sagt, wir sollen die Welt nicht lieben, sondern uns von ihr abwenden. Der Lieblingsjünger Jesu, Johannes, sagt es klar und deutlich: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht.“ Nüchtern zeigt er, worum sich die Welt dreht: um „die Begierde des Fleisches“ und um „das Prahlen mit dem Besitz“. Geld regiert die Welt, sagt das Sprichwort. Alles dreht sich um die Macht, um Ansehen, um das eigene Ich. „So ist eben die Welt“, sagen wir resigniert. Und da wir alle schwache Menschen sind, tun wir mit im Spiel und den Spielchen dieser Welt.
Doch dann beeindrucken uns Menschen, die den Mut haben, nicht mitzuspielen mit der Welt. Etwas in unserem Herzen sagt uns: Das kann doch nicht alles gewesen sein! Nur mitschwimmen, mitmachen, weil die Welt eben ist, wie sie ist. Namen wie Nawalnij kommen einem in den Sinn, wie Nelson Mandela, Martin Luther King, Gandhi. Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene.“
Gott liebt die Welt, sagt Jesus dem Nikodemus. Er sagt ihm aber auch, wie er sie liebt. Er hat ihr sein Kostbarstes gegeben, seinen Sohn. Er hat ihn in diese Welt gesandt, nicht um sie zu richten, sondern zu retten. Gott hat offensichtlich selber diesen unverwüstlichen Glauben, dass die Welt nicht ein hoffnungsloser Fall ist. Wer liebt, glaubt an das Gute in dem, den er liebt. Deshalb gibt es so viel Gutes in dieser Welt, trotz allem!