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Das Gesetz des Weizenkorns

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 17. März 2024.

17.03.2024
© Erzdiözese Wien/ Schönlaub Stephan
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Das Leben kann man von zwei Seiten her sehen. Beide Sichtweisen haben ihre Wahrheit. Die erste geht von der Vergänglichkeit des Lebens aus. Im Buch der Psalmen heißt es etwa: „Wie Gras sind die Tage des Menschen, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß nichts mehr von ihr“ (Psalm 103). Wer erinnert sich an die Menschen, die früher dort gelebt haben, wo wir jetzt leben? In älteren Häusern denke ich oft: Wie war wohl das Leben derer, die einmal hier gewohnt haben? „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren“, wird einem am Aschermittwoch gesagt, wenn uns das Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet wird.

 

Mit der Geburt beginnt nicht nur das Wachstum, sondern der Prozess, der schließlich zum Tod führt. Memento mori, stand früher oft auf Gräbern: Gedenke, dass du sterblich bist. Und eine alte Fürbitte hat bis heute nicht ihren Sinn verloren: „Vor unvorhergesehenem Tod bewahre uns, oh Herr!“ Das hat nichts mit Pessimismus oder einer traurigen Lebenseinstellung zu tun. Denn für Menschen, die so beteten, gab es immer auch eine zweite Sichtweise des Lebens, die der ersten nicht widerspricht, sondern ihr die Traurigkeit nimmt. Das Leben geht so schnell vorbei, „wir fliegen dahin“, sagt der Psalm.

 

Von diesem tröstlichen, hoffnungsvollen Blick auf das Leben spricht Jesus heute in diesem Evangelium, das mich jedes Mal besonders berührt. Zum jüdischen Pesachfest kommen viele Pilger nach Jerusalem, bis heute. Damals, bei seiner letzten Wallfahrt, fragten viele nach Jesus. Man rätselte, ob er der Messias sei, der erwartet wird. Auch Nichtjuden kamen zum höchsten jüdischen Fest, aus Sympathie zum Judentum. Einige „Griechen“ wollen Jesus sehen, von dem sie offensichtlich gehört haben. Als die Apostel Jesus davon berichten, reagiert er ganz überraschend: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.“

 

Jetzt, in diesem Moment, spricht Jesus das andere Lebensgesetz aus. Wie so oft gebraucht er dafür ein Bild: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ „Im Tod ist das Leben“, heißt es in einem Kirchenlied. Goethe nennt es „dieses: Stirb und werde!“ Jedes Lebende muss sterben. In jedem Sterben verbirgt sich aber neues Leben. So ist es in der Natur. Herbst und Winter bereiten den Frühling und den Sommer. Gilt dieses Gesetz der Natur auch für unseren Tod? Jesus hat seinen Tod so gesehen. Ohne das Sterben, das ihm bevorsteht, bleibt sein Leben allein. Sein Sterben wird reiche Frucht bringen.

 

Das ändert nichts daran, dass Jesus, ganz menschlich, vor seinem Tod Angst hatte, Todesangst. Jedes Sterben ist ein Loslassen. Die vielen kleinen Tode, die wir sterben, sieht Jesus als den Weg, das Leben zu gewinnen. Jesus hat es oft gesagt: Wer sein Leben nur für sich leben will, wird es verlieren, wird letztlich allein bleiben. Die Mutter, die uns das Leben geschenkt hat, musste nicht nur viel Blut verlieren, sie hat ihr Leben dafür eingesetzt. Dieses Urgesetz des Lebens macht das Leben so anziehend, so sehr, dass Jesus sagen konnte: Durch mein Sterben am Kreuz „werde ich alle an mich ziehen“. Das Gesetz des Weizenkorns ist stärker als das des Todes.

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