Eine Ostererinnerung ist mir besonders kostbar. Lange bevor ich Bischof wurde, verbrachte ich öfters die Ostertage im Dominikanerkloster in Retz, im Weinviertel. Als Angehöriger des Dominikanerordens war und ist mir dieses Kloster vertraut und lieb. Ich erinnere mich an einen Ostermorgen. Ich stand vor Sonnenaufgang auf und ging auf den Kalvarienberg oberhalb der Stadt, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. Unvergesslich ist mir die Freude dieses Morgens: Jesus ist auferstanden und lebt! Selten habe ich es so gespürt. Darum bleibt es mir so tief in Erinnerung.
Die Stimmung, von der das Evangelium heute spricht, war eine ganz andere. Sie war von Furcht und Schrecken geprägt. Die Jünger Jesu haben sich in ihrem Quartier verbarrikadiert. Sie hatten allen Grund dafür. Jesus war wie ein Verbrecher gekreuzigt worden. Als angemaßter „König der Juden“ hatte man ihn zum Tod verurteilt. Mit Rebellen machten die Römer kurzen Prozess. Es war naheliegend, dass seine Anhänger dasselbe Schicksal erwartete. Die erste Reaktion auf Jesu plötzliches Erscheinen in ihrer Mitte war Furcht und Erschrecken. So berichtet zumindest der Evangelist Lukas. Johannes, der selber Augenzeuge war, spricht nur von der Freude der Jünger, „als sie den Herrn sahen“.
Die Freude der Jünger hat einen ganz bestimmten Grund, über den ich heute nachdenken möchte. Trotz der verschlossenen Türen tritt Jesus völlig unerwartet in ihre Mitte. Er begrüßt sie mit einem Wort, das bis heute als Gruß unter Juden verwendet wird: „Schalom aleichem“ („Der Friede sei mit euch“) wie auch unter Muslimen („Salam aleikum“). Doch dann macht er eine überraschende Geste: Er zeigt ihnen seine Hände und seine Seite. Erst diese Geste löste die Freude der Jünger aus, denn sie machte ihnen allen klar, dass der, der plötzlich vor ihnen stand, niemand anderer sein konnte als Jesus selber. Offensichtlich konnten sie an seinen Händen und an seiner Seite die Wunden sehen, die ihm bei seiner Kreuzigung zugefügt worden sind. Im Klartext: Sie erkannten ihn an seinen Wunden. Es konnte keine Täuschung sein, kein Geist oder Gespenst, das da vor ihnen stand, leibhaftig, wirklich, und doch nicht mehr von dieser Welt. Von diesem Moment an war für sie die Auferstehung Jesu eine Gewissheit. Mit ihr waren sie bereit, sich von Jesus senden zu lassen.
Thomas, der nicht dabei war, zweifelt an ihrer Freude. War das wirklich Jesus, den sie gesehen hatten? Auch für ihn konnte nur eines die Täuschung ausschließen: die Male der Nägel und die Seitenwunde beim Herzen. Ohne sie zu berühren, will er nicht glauben.
Dem tschechischen Psychotherapeuten und Priester Tomas Halik verdanken wir viele wertvolle Bücher. Eines ist mir besonders wichtig: „Berühre die Wunden“ (2013). In seinem Namenspatron, dem Apostel Thomas, sieht er nicht nur den Zweifler, der er sicher auch war. Im Wunsch, die Wunden Jesu zu berühren, sieht Halik die tiefe Wahrheit, dass wir einander nur kennenlernen können, wenn wir uns trauen, auch die eigenen Wunden zu zeigen. Wie oft wollen wir vor uns selber und vor den anderen als stark und schön, fit und vollkommen erscheinen! Thomas betet Jesus an, nachdem er seine Wunden berührt hat: „Mein Herr und mein Gott!“ Ein Gott, der seine Wunden zeigt und unsere Wunden berührt und heilt, das ist die Osterfreude.