Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen? Diese Frage Jesu trifft nicht nur für damals zu, als Jesus seinen Jüngern erschien. Sie bewegt bis heute viele, die sich fragen, was mit der Auferstehung der Toten eigentlich gemeint ist. Eines ist auffallend: In fast allen Berichten über die Auferstehung Jesu schwanken die Zeugen zwischen Glauben und Zweifel. Im heutigen Evangelium braucht Jesu scheinbar alle seine Überzeugungskraft, um seine Jünger zum Glauben zu bewegen. Sein Erscheinen löst zuerst überhaupt keine Freude aus. Angst und Schrecken erfüllt sie, als Jesus plötzlich mitten unter ihnen steht: „Sie meinten, einen Geist zu sehen.“ Er zeigt ihnen seine Hände und Füße, fordert sie auf, ihn anzufassen. Offensichtlich hat er einen echten Leib mit Fleisch und Knochen, obwohl er nicht durch die Tür in den Raum gekommen ist. Noch immer nicht können sie es glauben, dass er es wirklich ist. Deutlicher geht es nicht: Er isst vor ihren Augen ein Stück Fisch. Das Evangelium sagt nicht, ob damit endgültig alle Zweifel behoben waren. Bis zum Schluss bleibt für sie ein seltsames Nebeneinander von Glaube und Zweifel bestehen. Warum war das wohl so? Und ist das immer noch so? Bei mir? Bei allen, die sich gläubig nennen? Gehören gar Glauben und Zweifeln zusammen?
Ich erinnere mich an eine Theologievorlesung, als ich noch Professor in der Schweiz war. Genau über dieses heutige Evangelium kam es zu heftigen Protesten, als ich meine Überzeugung vertrat, dass die Dinge sich damals in etwa so abgespielt haben, wie der Evangelist Lukas sie beschreibt. „Sie glauben das doch nicht wirklich!“ – so lautete der Vorwurf. Auferstehung – echt leiblich, und doch nicht fassbar! Wie soll man das glauben? Man kann es sich nicht vorstellen!
Genau das ist der kritische Punkt! Wir sollen etwas glauben, was wir uns nicht vorstellen können. Der Apostel Thomas hat gesagt: Ich glaube nur an etwas, was ich, im wörtlichen Sinn, be-greifen kann. Er durfte dann wirklich die Wundmale Jesu berühren, der zu ihm sagte: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Für alle Zeiten gültig sagt Jesus: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Generationen von Gläubigen haben an die Auferstehung Jesu geglaubt, ohne ihn gesehen zu haben. Wie taten sie das? Wie es heute tun? Einfach alle Zweifel beiseite schieben und blindlings glauben?
Die Berichte der Evangelien zeigen etwas, das sich bis heute immer wieder bewahrheitet. Jesus selber überwindet Schritt für Schritt das Zögern und Zweifeln seiner Jünger. Nicht sie bilden sich ein, etwas erlebt zu haben, das sie dann „Auferstehung Jesu“ nennen. Er selber ergreift die Initiative und zeigt sich ihnen. Aber zugleich macht er ihnen deutlich, dass sie ihn nicht festhalten können. Er entzieht sich ihrem Zugriff und damit ihrem Begreifen. Glauben heißt nicht besitzen. Das ist schon so in unseren menschlichen Beziehungen. Vertrauen können wir uns nur gegenseitig schenken, wir besitzen es nicht. Nie werde ich sagen können: Ich habe Gott begriffen! Es wäre nicht Gott, sondern meine eigene Vorstellung. Fanatiker glauben, die Wahrheit zu besitzen. Ideologien lassen keine Zweifel zu. An Gott, an Jesus zu glauben ist eine Antwort auf das Vertrauen, das er mir schenkt, selbst und gerade dann, wenn Zweifel mich plagen.