Ohne den Weinstock keine Rebzweige. Ohne Rebzweige keine Trauben. Ohne Trauben kein Wein. Alles Leben lebt vom Verbundensein. Tod heißt Trennung. Ich sehe sie vor mir, die Weinberge von Retz, wo ich eine Art zweite Heimat habe. Im Winter stehen sie kahl da, die Weinstöcke, alleine, ohne die Rebzweige. Jetzt treiben sie aus, aber bis zur Weinlese ist noch viel zu tun.
Mich fasziniert in der Natur, wie alles verbunden ist. Nichts kann für sich allein bestehen. Doch welch seltsame Wege geht das Leben! Ich esse gerne die Äpfel samt Schale, „mit Butz und Stingel“, wie man sagt. Nur den Stingel lasse ich übrig. Da kommt mir der Gedanke: Der ganze Apfel ist durch diesen dünnen Stingel hindurch zustande gekommen! Ohne den Stingel keine Verbindung zum Ast, ohne Ast keine Verbindung zum Apfelbaum. Der Baum könnte nicht leben, wäre er nicht durch seine Wurzeln mit dem Erdreich verbunden, aus dem er seine Säfte bezieht, die er weitergibt bis zum Stingel, an dem der Apfel reift.
Solche einfachen Naturbetrachtungen helfen mir, für das Wunder des Lebens zu danken. Leben gibt es nur in Verbundenheit. Jesu Gleichnisse können uns beibringen, das Staunen über das Leben neu zu lernen. Was er in der Natur beobachtet, wendet er auf das menschliche Leben an, genauer gesagt: auf seine Beziehung zu den Menschen, mit denen er besonders verbunden ist. Er spricht zu seinen Freunden, seinen Jüngern. Der Rahmen ist ernst: Es ist sein Abschiedsmahl. Er weiß, dass es so ist und redet zu seinen Freunden über die Zeit „danach“, wenn er nicht mehr auf Erden bei ihnen sein wird. Berührend, schmerzlich und trostvoll zugleich sind seine Worte: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch!“ Mehrmals wiederholt er diese innige Bitte, die auch eine Zusage ist: Bleiben wir verbunden! Er spricht von der Zeit nach seinem Tod, wie wir versuchen, einander zu trösten, wenn einer Abschied nehmen muss. Der Trost ist aber auch verbunden mit einer starken Aufforderung. Dazu greift Jesus zum Bild vom Weinstock: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Jesus will, dass die Jünger nach seinem Weggang sein Werk weiterführen. Das wird nur gelingen, wenn sie fest mit ihm verbunden bleiben, „denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“. Wirklich nichts? Wie meint das Jesus? Ich denke oft an dieses Wort und schaue auf meinen meist sehr geschäftigen Alltag. Ich mache und rede und schreibe viel. Manchmal wird mir dieses Wort Jesu verständlicher: Wenn ich nicht mit ihm, dem Weinstock, verbunden bleibe, dann mag ich zwar viel tun, doch bringt es auch Frucht? Oder sind es nur dürre Rebzweige, an denen keine Trauben wachsen können? „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“
Was in der Natur stimmt, bewahrheitet sich auch im menschlichen Leben: Ohne Verbundenheit mit unseren Wurzeln kann unser Leben nicht gedeihen. Das vergessen wir, wenn alles gut läuft. Deshalb bringt Jesus in sein Gleichnis vom Weinstock und den Rebzweigen auch den Winzer ins Spiel. „Mein Vater ist der Winzer.“ Der Winzer schneidet und stutzt am Weinstock, damit er Frucht bringt. Haben manche schmerzliche Ereignisse damit zu tun, dass Gott wie ein guter Winzer will, dass unser Leben mehr Frucht bringt?