Vor Jahren habe ich ein Buch geschrieben, das den etwas komplizierten Titel trug: „Existenz im Übergang“ (1987). Es geht darin um die einfache Tatsache, dass das Leben nicht stehenbleibt. Das Leben ist ein ständiger Übergang, von der Geburt zur Kindheit, zur Jugend, zum Erwachsensein, bis hin zum Alter und zum letzten Übergang, dem Tod. „Existenz“ mein Dasein, Leben, Wirken, Werken, ganz verschieden in den einzelnen Stufen, und doch ist es immer derselbe Mensch. „Einst war ich jung, jetzt bin ich alt“, heißt es einmal in einem Psalm der Bibel. Immer ist es dieselbe Person, in allen diesen Phasen, die sie durchlebt. Die Übergänge sind auch Wandlungen.
Der junge Mensch ist nicht mehr Kind, der Erwachsene noch nicht ein alter, aber doch ein älter werdender Mensch. Übergänge sind oft mit Krisen verbunden: die Pubertät, die sogenannte „Midlife-Crisis“, der Pensionsschock und schließlich das letzte Loslassen im Sterben.
In meinem damaligen Buch bin ich solchen Übergängen nachgegangen, auch der Frage, wie sie unterschiedlich gedeutet werden. So habe ich mich etwas näher mit der sehr verbreiteten Ansicht befasst, unser Leben sei eines von mehreren, vielleicht vielen Erdenleben. Die sogenannte „Reinkarnationslehre“ meint, unser jetziges Leben sei der Übergang zwischen früheren und kommenden Existenzen auf dieser Erde. Wie dem auch sei, ich persönlich glaube, dass wir jetzt, in diesem Leben unseren Weg ein für allemal gehen und dass am Ende dieses Weges ein neues, ewiges Leben auf uns wartet. In diesem Glauben bestärkt mich vor allem Jesus und sein Weg. Für ihn gibt es diese Welt, in der wir alle leben, aber sie ist nicht alles. Wir gehören nicht nur zu dieser Welt. Jesus gebraucht dafür eine einprägsame Formel: „In der Welt, aber nicht von der Welt.“ Was meint er damit?
Vielleicht will die Lehre von den mehrfachen Erdenleben (die ich nicht teile) eine einfache Erfahrung zum Ausdruck bringen: das Gefühl, dass unser Leben hier auf der Welt, so wie es ist, nicht alles gewesen sein kann. Ein Leben voller Plage, Not und Leid, ein früh abgebrochenes Leben, ein trauriges Dasein ohne Freude und Erfüllung, soll das schon das ganze Leben gewesen sein? Braucht es nicht noch weitere Gelegenheiten, um zu einem geglückten Ergebnis zu kommen? So verständlich dieser Gedanke ist, so wenig befriedigt er (mich). Wie oft muss der Versuch unternommen werden, bis einmal ein echter Erfolg des Lebens gelingt? Es kommt mir vor wie der endlose Versuch, doch noch das große Lotto-Los zu ziehen. Wird es jemals kommen?
Da ist mir die Antwort Jesu einleuchtender. Er bringt sie in der Form eines Gebetes zum Ausdruck. Jesus steht klar am Ende seines irdischen Lebens. In wenigen Stunden wird er den großen, letzten Übergang durchleben: seinen Tod. Er tut, was er sein Leben lang getan hat: Er betet zu Gott. Wer betet, ist immer schon mit einem Fuß in einer anderen Welt. Wir beten in allen Anliegen unseres Lebens in dieser Welt, leben aber mit dem Herzen auch in der anderen Welt. Das Gebet geht von der Erde zum Himmel, von uns Menschen zu Gott. Wir sind in dieser Welt, gehören aber nicht nur zu dieser Welt. Nicht erst in der Todesstunde leben wir „im Übergang“. Mitten in unserem Alltag atmen wir im Gebet die Luft der anderen, der ewigen Welt. Jesus redet von der Freude, die auf diese Weise in den Mühen des jetzigen Lebens aufleuchtet. Während Jesus betete, „erhob er seine Augen zum Himmel“. Es tut gut, gelegentlich die Augen zu erheben, dorthin wo wir ganz zu Hause sein werden, für immer.